Polygamie im Täuferreich

Ein Q History-Beitrag über das münsteraner Täuferreich und Polygamie.

Hinrichtung der TäuferGerade in Münster kennt man noch die Wiedertäufer. Die Stadt war für sie das neue Jerusalem und hier warteten sie auf das Jüngste Gericht. Dass die Täufer wie die Mormonen aber auch Polygamie, also Vielehe, betrieben, ist eher wenigen bekannt. Henrik Kipshagen und Philipp Spreckels sind dem nachgegangen.

Wir befinden uns am Anfang des 16. Jahrhunderts. In Europa breitet sich die Reformation aus. Angefacht durch Martin Luthers Thesenanschlag entstehen neue christliche Glaubensrichtungen. Jahrtausendealte Dogmen werden aufgegeben. Es kommt zu zahlreichen Aufständen und Konflikten. Wir möchten euch eine Sekte vorstellen, die sogar das traditionelle Konzept der Ehe ablehnte.

Münster, im Januar 1534. Nachdem in den Jahren zuvor immer wieder Katholiken und Protestanten aneinander geraten waren, tritt eine neue, radikale, Gruppe auf den Plan: Die Täufer aus den Niederlanden. Werner Freitag, Professor für westfälische Landesgeschichte in Münster:

Werner Freitag: „Münster bot für die Täufer einen idealen Nährboden, denn die Stadt ist nahe den Niederlanden, es gibt keine sprachlichen Probleme, man versteht sich, und die Stadt ist durch einen Vertrag mit dem Bischof von Münster in der lutherischen Glaubenspraxis frei, so dass sie also in der Lage ist, hier diese neuen Gedanken aufzunehmen.“

Das religiöse Programm der Täufer ist auf die baldige Wiederkunft Christi gerichtet. Nicht mehr die Heilige Schrift ist zentral, sondern die Visionen von Propheten.

Werner Freitag: „Die Stadt wird erfüllt von prophetischen Rufen. Sie müssen sich das vorstellen, dass an bestimmten Wegmarken der Täufergeschichte Propheten durch die Stadt gehen und schreien: Das Ende ist nah. Und das sind nicht nur Prediger, also Experten des Glaubens, sondern es sind zunehmend auch Laien, und es sind Frauen. Die Geschichte der Wiedertäufer ist voller Geschehnisse, in denen Frauen als Prophetinnen auch auftreten.“

Zu diesem Zeitpunkt praktizieren die Münsteraner noch die traditionell-monogame Ehe. Denn gerade durch die Reformation ist die Ehe noch einmal deutlich aufgewertet worden.

Werner Freitag: „Also die Täufer sind zunächst, am Anfang, nicht auf Polygamie aus, sondern verfolgen ebenso noch diesen harten Kurs. Münster hat eine Zuchtordnung, indem Zuchtherren, also Kontrollorgane des Rates, auf die Einhaltung der Ehegesetzgebung achten, und auch gegen Hurerei, in Anführungsstrichen, vorgehen sollen.“

Doch im Laufe des Jahres 1534 ereignen sich radikale Umwälzungen in Münster. Während immer mehr Anhänger der Täufer nach Münster kommen, stehen die Einwohner vor einer schwierigen Wahl: entweder sie nehmen die neue Religion an oder sie verlassen die Stadt. Der alte Rat wird abgeschafft, stattdessen ernennt sich der Prophet Jan van Leiden zum König von Münster. Nun befindet sich die Stadt im Krieg mit ihrem eigentlichen Herren, dem Erzbischof. Professor Freitag schildert die Lage:

Werner Freitag: „Also in einer aufgeheizten Situation, von den Feinden umschlossen, belagert, die ersten Belagerungen sind abgewehrt worden, und jetzt fangen die Täufer an, die führenden Täuferprediger, auf den Plätzen für die Einführung der Vielehe zu predigen, allerdings natürlich nur in Bezug auf Männer. Herangezogen werden alttestamentarische Vorbilder.“

Wie aber muss man sich die Einführung der Polygamie im Lebensalltag der Menschen vorstellen?

Werner Freitag: „Das Ganze ist eine Zwangsveranstaltung. Wenn der Prophet Frauen Männern zuweist, muss das akzeptiert werden, die Frauen dürfen sich nicht verweigern, auch in sexuellen Dingen. Die Frauen, die sich verweigerten, konnten und mussten bestraft werden. Es gibt auch Widerstand von Männern gegen die Einführung der Vielweiberei. Unter der Führung des Schmieds Mollenhack sind es zweihundert Männer, die dagegen protestieren. Fünfundzwanzig von diesen zweihundert werden dann mit dem Schwert, zum Teil durch Knipperdolling, der da als Henker fungiert, hingerichtet.“

Angesichts dieser radikalen Unterordnung der Frauen, können wir heute nur schwer nachvollziehen, warum trotzdem viele von ihnen die Täuferbewegung unterstützt haben. Herr Freitag erklärt:

Werner Freitag: „Die Täuferbewegung an sich ist friedlich, radikalisiert sich unter dem Eindruck der Belagerung von außen, und aufgrund dieser Endzeiterwartung, hin zu einer Sekte, die eben sehr stark gestützt wird, weil sie auch den Frauen Räume eröffnet, nicht im Sinne jetzt der neuen Formen von Eheschließung, sondern im Sinne von Betätigungsfeldern, im Sinne von Teilhabe an dieser Täuferherrschaft, dass hier auch natürlich dann bestimmte neue Handlungsräume von Frauen bestehen, die unseren klassischen Interpretationsmustern überhaupt nicht entsprechen, und auch im Sinne von Emanzipation völlig quer zu diesen uns geläufigen Kategorien sich befinden.“

Das Täuferreich währte nur bis zum Sommer des nächsten Jahres. Zuletzt gelang es den feindlichen Truppen die Stadt einzunehmen. Unter den Verteidigern wurde ein blutiges Gemetzel angerichtet. Die Anführer erlitten auf dem Prinzipalmarkt einen qualvollen Tod. Ihre Leichen hängte man am Turm der Lambertikirche auf. Die dafür verwendeten Stahlkäfige sind heute noch zu sehen.

Abbildungen: Foto copyright by Flickr-user Philipp Spreckels, Federzeichnung aus Georg Berger, Contrafactur der Osnabrücker Bischöfe. Scan aus Abbildung in „Westfälische Kunststätten: Rathaus und Friedenssaal zu Münster“, Seite 28

Polygamy and Mormonism

Ein Q History-Interview mit Richard Kitchen zur Geschichte der Mormonen.

Turn of the century photograph of Joseph F. Smith, his wives, and his children.Aside from the Münster Anabaptists there were other groups, who had taken polygamy into their belief system. One of those groups were the Mormons. This religion was founded in the beginning of the 19th century in the northeast of the USA. It calls itself „The Church of Jesus Christ of Letter-day Saints“. Their first prophet was Joseph Smith, who according to them received the book Mormon from an angel. Mormons regard this book as a holy scripture.

Not long after Mormons were persecuted because of parts of their belief system, like polygamy. They were forced to move west and finally settled in Salt Lake Valley in what was to become the state of Utah. Today still round about two thirds of the population of Utah call themselves Mormons. We spoke with the historian Richard D. Kitchen, who himself is a Mormon, about polygamy.

Who are you as a Mormon and as a scholar?

Richard Kitchen: „Personally, as a Mormon … my family has been members for a long time. So I was always raised in the faith. But as a scholar I have always looked at how different groups interacted with each other. The area of emphasis that I do my research on has dealt with mormons in the 19th century and their interaction with American Indians. So it’s been fairly separate from my own personal faith or beliefs.“

Why do you think many people think of polygamy when they hear the word mormon?

Richard Kitchen: „Good question! It’s a topic that society is very interested in. Sex, scandal. The newspapers … you never hear about the normal or what’s just every day. Even though it’s been more than a hundred years since the Mormons themselves have practiced Polygamy, but again it’s something that is catching and something you remember.“

Where does Mormon polygamy start in the 19th century?

Richard Kitchen: „Various scholars point to various years but it depends on your definition of start. If one person in a culture does something it’s an anomaly. If the culture does that that’s when you can say this is part of the culture. In the 1840s there are rumors that perhaps some of the Mormons are doing Polygamy. And this is actually one of the causes that led to the death of Joseph Smith.“

How did Polygamy get into Mormonism?

Richard Kitchen: „They basically point back to various times in the Old Testament. So … you look back at the ancient prophets, and say: ok Abraham obviously had two wives. The thinking I guess is … or the belief was that god has allowed this at various times, doesn’t allow it etc., and that this was one of those times that this was allowed. But certainly I believe that there are factors that allowed it to expand.“

How did Mormon Polygamy look like?

Richard Kitchen: „Historically only about 5% of Mormon males ever did any Polygamy. And most of those who did so had 2 wives. The one criteria that dealt with economics is that in order to be married to more than one spouse you had to be able to support that spouse. The very few people that had more than 2 wives almost all of those are what we would call economically the upper class. In order to participate in Polygamy the first wife had to approve and give agreement that you could do this and then she had to approve of the second wife. Many polygamist women actually wrote tracts defending the practice of Polygamy and … in a fact saying that it gave them more freedom. There are many cases where Polygamy didn’t work out. Unlike say in the Catholic church divorce was allowed.“

So when did Mormon Polygamy end?

Richard Kitchen: „From 1850 to 1890 at this 40year time span that is when it was practiced but increasing the tensions with the government. By 1890 the leadership of the church said that they had received a revelation from god that said, ok we no longer need to practice this because it is becoming such a block to the actual religion. Technically I guess the concept is still there but not in a physical earthly sense. Say you married a wife and you married her for eternity. Well eternity is a long time. And say she died and you married somebody else. In society that’s monogamy, right? But if you look at it as you’re married for eternity, then what?“

Fotos: copyright by Philipp Spreckels, Turn of the century photograph of Joseph F. Smith, his wives, and his children.