Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich – Tagungsbericht bei H-Soz-u-Kult

Neben eher subjektiven Skizzen und Anekdoten (siehe Tag 1, 2 & 3) habe ich für die Historikertag-Sektion „Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Tendenzen, Strategien, Beispiele“ auch einen richtigen Tagungsbericht verfasst.

Mit freundlicher Genehmigung von H-Soz-u-Kult (hier entlang zum
Original) kann der Sektionsbericht auch direkt im Blog gelesen werden.

HT 2012: Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Tendenzen, Strategien, Beispiele

Während der Begriff eHumanities links des Rheins kaum noch die Gemüter erhitzt, zucken Historiker auf der anderen Seite des Stroms allein bei seiner Erwähnung verschreckt zusammen. Hier rümpft man über Blogs die Nase und betrachtet E-Books automatisch als flüchtig, lieblos, gar billig. Doch wie lange noch kann es sich ein substantieller Teil der deutschen Geschichtswissenschaft leisten, Werkzeuge und Methoden zu belächeln, die beim wissenschaftlichen Nachwuchs in Frankreich längst zum Standardrepertoire der Geschichtswerkstatt gehören? Verliert Deutschland den Anschluss? Diese und andere Fragen waren Thema der Sektion „Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Tendenzen, Strategien, Beispiele.“

Teil 1: Digitale Ressourcen des Historikers am Beispiel der französischen Geschichte

Den ersten Themenblock eröffnete MARIN DACOS (Marseille), Direktor am centre pour l’édition électronique ouverte, mit einer Biographie des französischen Webportals OpenEdition. Webportal greift als Begriff eigentlich zu kurz, hat sich unter dem Dach von OpenEdition innerhalb der letzten 13 Jahre doch eine beeindruckende Infrastruktur gebildet, die Forschende in den Bereichen digitale Zeitschriften (revues.org), wissenschaftliche Blogs (hypotheses.org) und Termine innerhalb der wissenschaftlichen Community (calenda) unterstützt. Das Portal basiert auf drei Säulen: a) freier Zugang b) inhaltliche Redaktion und technischer Support sowie c) Internationalisierung. So konzentriert man sich aktuell auf den Aufbau einer Plattform zum Lesen und Veröffentlichen von E-Books sowie, und dies dürfte Verfechter der Interdisziplinarität freuen, der Ausweitung des momentan noch stark französisch geprägten Netzwerks zu einer europäischen Infrastruktur. Eine Traditionsinstitution fehlt in dieser Zukunftsvision jedoch: der Verlag. Zu Recht?

Als zweites zog GUNDRUN GERSMANN (Paris) eine Bilanz ihrer Amtszeit als Direktorin am Deutschen Historischen Institut (DHI) Paris, welche gerade im Bereich digitales Publizieren eine Neuausrichtung mit sich brachte. Diese war laut Gersmann dringend nötig, denn das DHI hatte ein massives Problem: Als „internationales Institut in einem internationalen Umfeld“, ist das DHI gezwungen, sich in die Forschungsdiskussion beider Ländern einzumischen, was jedoch nur schwer gelingt, wenn sich Bibliotheken in Deutschland und Frankreich weigern, bilinguale Publikationen zu kaufen. Im September 2007 fiel deswegen die Entscheidung, in Zukunft verstärkt digital und offen zu publizieren. Um den verschiedenen Publikationstypen gerecht zu werden, ging man nicht immer gleich vor. Während die Traditionszeitschrift Francia nun ein Jahr nach der Printveröffentlichung kostenlos im Netz steht, erscheint die Tagungsreihe discussions nur online. Zu den ebenfalls neu aufgebauten Podcast-, Blog-, Twitter- und Facebookaktivitäten des DHI später mehr beim Vortrag von Mareike König.
Wirklich faszinierend waren jedoch die Ausführungen zur Retrodigitalisierung: Am Beispiel der Buchreihe Pariser Historische Studien erklärte Gersmann, wie durch die Digitalisierung in der Versenkung verschwundene Monographien wieder der Forschung zugänglich gemacht werden und eine Rezeption der Texte erneut möglich gemacht wird. Für eine Institution wie das DHI bedeutet dies nichts weniger, als das Heben in Vergessenheit geratener Schätze – im eigenen Garten. Da das Netz für Viele jedoch nicht nur Medium sondern auch Botschaft ist, war es wichtig, behutsam vor zu gehen, um weder langjährige Abonnenten noch Autoren mit einer zu radikalen Strategie verschrecken.
Aber auch die Digitalisierung hat ihren Preis. So betonte Gersmann, dass der Vorstoß auf dem Feld des digitalen Publizierens das DHI personell wie finanziell gefordert hätte und auch in Zukunft fordern wird. Denn durch die direkte Publikation im Netz hat das DHI Tätigkeiten und Dienstleistungen an sich gezogen, für die zuvor die Verlage zuständig waren. Gelohnt hätte sich der Aufwand aber trotzdem, denn „allein im stillen Kämmerlein zu forschen, ohne sich um die Visibilität der eigenen Forschungsleistung zu kümmern“ wäre heute einfach nicht mehr zeitgemäß.

Die Diskussion erweiterte HINNERK BRUHNS (Paris) mit seiner Vorstellung der durch ihn initiierten online-Zeitschrift Trivium, in der bewusst nur Übersetzungen von bereits publizierten Artikeln aus dem Französischen oder Deutschen erscheinen. Das Ziel ist so einfach wie einleuchtend: Das Zugänglich machen von Forschungstendenzen und -ergebnissen über die Deutsch-Französische (Sprach)grenze hinweg. Warum dann aber nicht gleich eine Übersetzung ins Englische, lautete eine Frage aus dem Publikum? Weil die Zeitschrift genau dem entgegen arbeiten soll, so Bruns. Denn neben dem Transport von Forschungstendenzen stehe Trivium auch für den Erhalt der beiden großen Wissenschaftssprachen Deutsch und Französisch. Visibilität und Zugang ja, aber nicht im Tausch gegen sprachliche Assimilität oder Marginalisierung.

Den Schlussvortrag des ersten Sektionsteils hielten GREGOR HORSTKEMPER und ANDREA PIA KÖLBL (München), die aufzeigten mit welchen Mitteln die Münchener Nationalbibliothek als Sondersammelgebietsbibliothek der Deutschen Forschungsgemeinschaft im digitalen Zeitalter die französische Geschichte mit Informationen versorgt. Auch hier spielte Retrodigitalisierung eine Rolle, wenn Horstkemper darüber sprach, wie in Kooperation mit Google mittelalterliche Handschriften zugänglich und durchsuchbar gemacht werden. Kölbl konzentrierte sich in ihren Ausführungen auf den Aufbau der virtuellen Fachbibliothek Romanischer Kulturkreis, kurz Vifarom.

Teil 2: Einsatz von Sozialen Medien und Web 2.0-Techniken

MAREIKE KÖNIG vom DHI (Paris) verglich im zweiten Themenblock die digitale Fachkommunikation in Deutschland und Frankreich. Wie bereits eingangs erwähnt, setzt sich die Nutzung von Sozialen Netzwerken und Blogs in den deutschen Geisteswissenschaften wesentlich langsamer durch, als im Nachbarland Frankreich. Und das, obwohl sich diese Werkzeuge laut König hervorragend dazu eignen, die eigene Forschungsleistung auch jenseits der klassischen Publikationen zu dokumentieren (Blogs) und mit Kollegen in Kontakt zu treten (Facebook und Twitter). Wenn diese Werkzeuge aber in der deutschen Forschungscommunity eine weitere Verbreitung erhalten sollen, gelte es Barrieren abzubauen und Vorurteile zu widerlegen. Ein gutes Beispiel derartiger Aufklärungsarbeit ist der ebenfalls von König verfasste Twitter-Leitfaden für Historiker. Ob man durch das Publizieren im Netz aber nicht Gefahr laufe Opfer von Ideenklau zu werden, so eine Frage aus dem Publikum? König widersprach dem, da man durch das digitale Publizieren – ähnlich wie auch durch Printartikel oder Konferenzvorträge – geistigem Diebstahl vorbeuge, indem man ein Thema mit seinem Namen besetzt. Und in der Tat beweisen die jüngsten Skandale um die Doktorarbeiten von prominenten Politikern, dass das Aufspüren von Plagiaten immer einfacher wird – sich Plagiate langfristig also immer weniger lohnen. Auf die Kritik der wissenschaftlichen Gemeinschaft am Bloggen, dieses Medium sei zu flüchtig, zu unübersichtlich und von beliebiger Qualität, sei man laut König gerade beim Aufbau der Plattform hypothese.org eingegangen. Es wurde eine dem Blogportal vorstehende Redaktion eingerichtet, die durch Qualitätskontrollen einen hohen inhaltlichen Standard erhalten soll und Blogbeiträge für die Startseite auswählt. Zusätzlich sorgt der ständige technische Support für den langfristigen Erhalt der digitalen Texte, zum Beispiel durch die Vergabe von permanenten ISBN-Nummern. Dass die so gewonnene, redaktionelle und technische Sicherheit natürlich auch das Abtreten eines Teils der redaktionellen und technischen Freiheit mit sich bringt, ist dabei unvermeidbar.

Laut LILIAN LANDES von der Bayrischen Staatsbilbiothek (München) kann man das Online-Rezensionsportal recensio.net als Antwort auf die Kritik an der aktuellen Rezensionslandschaft in den Geisteswissenschaften verstehen:

  1. Langsamkeit: Rezensionen erscheinen mitunter Jahre nach der Originalpublikation.
  2. Unübersichtlichkeit: Der Überblick über die immer größer werdende Rezensionslandschaft geht verloren. Sowie
  3. mangelnde Internationalisierung
  4. kaum Interdisziplinarität und
  5. zu wenig Interaktivität.

In all diesen Punkten will recensio.net durch das Beleben einer schnellen und zuverlässigen Rezensionskultur im Netz Abhilfe schaffen und so den eigentlichen Grundgedanken der Rezension stärken: die Interaktion und Diskussion über Forschungsergebnisse. Auch hier hat man auf die Onlineskepsis mit der Einrichtung einer redaktionellen Qualitätskontrolle reagiert, um unsachliche Beiträge heraus zu filtern. Aktiv werden musste die Redaktion aber noch nie, die Themen seien einfach zu speziell. Zukünftig soll es möglich sein, wie bei bekannten Online-Händlern Rezensionen zu kommentieren und über diese zu diskutieren. Wer weiß, vielleicht entwickelt sich so ja auch die erhoffte, lebhafte, europäische Rezensionskultur.

Weniger Vorstellung als Bilanz war GEORGIOS CHATZOUDIS‘ (Düsseldorf) Vortrag über L.I.S.A. – das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung, zwei Jahre nach dessen Start. Neben ansteigenden Besucherzahlen, sowohl aus der Wissenschaft als auch der interessierten Öffentlichkeit, freue man sich gerade darüber, dass auch eher unübliche Beitragsformen wie die Livechats mit Experten gut angenommen werden. Besser werden müsse man bei der LISA-eigenen Community. Diese müsste noch intuitiver gestaltet werden, wissen doch viele Mitglieder nicht, dass sie hier auch ohne Aufforderung eigene Texte einstellen können. Ein schönes Beispiel dafür, dass Wissenskommunikation sich nicht in jeder Hinsicht den medialen und journalistischen Gepflogenheiten anpassen muss, sind die Videoreihen von LISA. Denn im Gegensatz zu vielen artverwandten Videoformaten, drehen hier nicht Medienprofis Videos über Wissenschaftler sondern Wissenschaftler Videos über ihre eigene Arbeit. Das Ergebnis lässt sich laut Chatzoudis sehen, obwohl oder gerade weil es ohne eine mediale Überformung oder Narratisierung der Wissenschaft auskommt.

Eigentlich wollte JÜRGEN DANYEL (Potsdam), stellvertretender Direktor des „Zentrums für zeithistorische Forschung“ einen Vortrag über das Onlineprojekt Docupedia halten. Sein Vortrag konzentrierte sich dann aber doch auf die bis dato in der Sektion aufgeworfenen Fragen. Danyel verwarf zunächst die kulturpessimistische Kritik an den eHumanities, die Wissenschaft würde durch diese ins Triviale abdriften. Eine Kritik, die um so fadenscheiniger wirke, wenn man das Jekyll & Hyde-Verhalten vieler Skeptiker beobachtet, die privat längst im Social Web angekommen seien, beruflich jedoch weiterhin eine konservative Fassade aufrecht erhalten würden. Aber auch die frühen Hoffnungen der sogenannten „digital Natives“, mit den neuen Medien ließen sich sämtliche wissenschaftliche Strukturen aufbrechen, hätten sich als illusorisch erwiesen. Heute, so Danyel, sei die Diskussion eher von einem produktiven Pragmatismus geprägt. Und auch wenn die Entwicklung im Web noch lange nicht an ihrem Ende angekommen sei, müsse man sich ernsthaft darüber Gedanken machen, ob eine separate Sektion zum Thema eHumanities in Zukunft noch nötig sei.

Fazit

Die Diskussion hat gezeigt, welche Potentiale die neuen digitalen Werkzeuge innerhalb der Geschichtswissenschaft entfalten können. Ist es dann folgerichtig, wenn die erste eHumanities-Sektion auf einem Historikertag auch die letzte bleibt? Haben derartige Panels, wie Danyel fragt, auf deutschen Konferenzen generell ausgedient?

Nicht ganz.[1] Die Geschichtswissenschaft in Deutschland wird zukünftig beides brauchen: Expertengespräche im kleinen, digitalen Kreis aber eben auch verstärkt Diskussionen in den Anwendungsfeldern selbst. Natürlich hat Danyel Recht, wenn er die „Wagenburgmentalität einiger digital natives“ kritisiert. Es ist auf Dauer kontraproduktiv, wenn die Pioniere im Bereich der digitalen Geisteswissenschaften nur unter sich bleiben und sich so immer weiter von den konservativen Kollegen abgrenzen. Denn Recherchieren, Diskutieren, Dokumentieren und Publizieren sind essentielle Tätigkeitsfelder eines jeden Historikers, egal in welcher Epoche oder Disziplin er tätig ist. Man darf also zu Recht fragen, ob die Institutionalisierung des Grabens zwischen Kritikern und Befürwortern durch die Erhebung der digitalen Methoden zu einer eigenen Disziplin namens eHumanities der richtige Weg ist. Diese Überlegung ist nicht unwichtig, denn das Ziel lohnt allemal: durch die neuen digitalen Kanäle werden ganz andere Qualitäten und Quantitäten an Interdisziplinarität und Internationalisierung der Forschung möglich. Das Beispiel Frankreich hat jedenfalls gezeigt, dass niemand auf die deutsche Geschichtswissenschaft warten wird.

Sektionsübersicht:

  • Sektionsleitung: Gudrun Gersmann (Paris)
  • Gudrun Gersmann (Paris): Moderation
  • Marin Dacos (Marseille): OpenEdition: Das zentrale Fachportal der Geisteswissenschaften in Frankreich
  • Gudrun Gersmann (Paris): Von Francia bis Facebook. Ein geisteswissenschaftliches Forschungsinstitut geht online: Das Beispiel des DHI Paris
  • Hinnerk Bruhns (Paris): Trivium
  • Gregor Horstkemper (München) / Andrea Pia Kölbl (München): Von der Handschrift bis zum Fachportal – Die Bayerische Staatsbibliothek als Informationsspezialist für die französische Geschichte
  • Mareike König (Paris): Historische Fachkommunikation über Twitter, Facebook und Blogs
  • Lilian Landes (München): Rezensieren im Web 2.0: recensio.net
  • Georgios Chatzoudis (Düsseldorf): L.I.S.A. – Historische Geisteswissenschaften 2.0
  • Jürgen Danyel (Potsdam): Zeitgeschichte und Social Web. Erfahrungen mit partizipativen Formaten im fachlichen Kontext

Anmerkung:
[1] Diese Einschätzungen sind auch geprägt von den Erfahrungen des Autors, der als Online-Redakteur in der Pressestelle der Westfälischen Wilhelms-Universität arbeitet und einen eigenen Blog betreibt.

Historikertag 2012, Tag 3: Sound der Geschichte und Geschmack des Archivs

3. Tag: Sound der Geschichte, Geschmack des Archivs

The Sound of History: Ähnlich wie am Donnerstag zog es uns am dritten und letzten Tag zu einer eher alternativen Sektion: „Sound History“ Aber wie konnten wir auch anders, gehört die Verbindung Audio(quellen) und Geschichte doch zu einer der zahlreichen Sendungskonzepte aus der Q History-Radio-Zeit, die wir zwar immer wieder diskutiert, schlussendlich aber nie realisiert hatten. Wir waren also äußerst gespannt …

… und wurden nicht enttäuscht. Gerade die Vorträge zu Richard Wagners Walkürenritt (Gerhard Paul) und der Klangarchäologie der Radio-Stimmen (Hans-Ulrich Wagner) hatten es in sich. Paul zeichnete akribisch die Sinnaufladung, wandelnde Ikonographie und Verbindung von Wagners Walkürenritt mit Krieg und Gewalt nach. Dies weckte bei mir Erinnerungen an die Plankton- und Krill-Jäger aus der maritimen Sektion am Tag zuvor. Aus der folgenden Fragerunde entwickelte sich dann eine Diskussion über Musik und Lärm als Waffe (z.B. als Folterinstrument in Afghanistan), ein historisches Feld das laut Gerhard Paul fast noch völlig unbestellt sei. Bemerkenswert war auch, wie der Referent überhaupt zur Soundgeschichte gekommen war. Nämlich nur über Umwege. Eigentlich wollte er wohl nur eine Geschichte des Visuellen im 20. Jahrhundert schreiben, stieß dabei aber auf Abgrenzungsprobleme. So könnte man laut Paul die Geschichte der nationalsozialistischen Wochenschau kaum ohne den Sound schreiben, brächen die Narrationsstrukturen ohne den Audiokommentar doch vollständig zusammen.

Hans-Ulrich Wagner stürzte sich wie gesagt nicht auf seinen Namensvetter, sondern auf die Spuren der Produzenten und Rezipienten des Radios in der Nachkriegszeit. Im Zentrum von Wagners Vortrag stand der Versuch, in einigen Theorieskizzen die noch relativ gut überlieferten Produktionserzeugnisse des Radios mit den für uns heute nur schwer greifbaren Erfahrungen der Radio-Hörenden in Beziehung zu setzen.
Ein Nebenprodukt, der Beschäftigung mit der Klangarchäologie der Bonner Republik, war eine These Wagners zum Medienkampf. Laut ihm hätten der Kampf zwischen dem alten Medium (Radio) und dem neuen (TV) überwiegend entlang konfessioneller Linien statt gefunden. Demnach betrachteten die meisten Radiomacher, zum großen Teil Söhne aus protestantischen Pastorenhaushalten, das Radio als Äquivalent zum gehörten Wort Gottes im Gottesdienst auch als Werkzeug zur Erziehung der Massen. So verwundere es nicht, dass sie sich nach 1945 auf die Suche nach dem „demokratischen Sound“ der neuen Bundesrepublik machten.

Zum Schluss wies Gerhard Paul noch einmal auf eine anstehende Publikation der Bundeszentrale für Politische Bildung für das Jahr 2013 hin, die sicherlich auf den ein oder anderen Historiker-Wunschzettel gehört: Gerhard Paul / Ralph Schock (Hrsg.): Der Sound des Jahrhunderts. Ein akustisches Portrait des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Die Themen reichen vom LautSprecher Hitler, über Orson Welles‘ War of the Worlds und den Soundtrack des ‚Holocaust‘ bis hin zu einer Kurzgeschichte des Klingeltons.

Skizzen und Notizen zur Sektion

Skizzen und Notizen zur Sektion „Sound History“.

Vom Geschmack des Archivs: Statt der eher wissenschaftspolitischen Drittmittel-Sektion haben wir uns zum Schluss nochmal einem klassischen Thema zugewandt, dessen leicht kulturpessimistischer Titel eine rege Diskussion versprach: „Wo bleibt der ‚Geschmack des Archivs‘? Historische Forschung im digitalen Zeitalter

Getreu dem Titel der Sektion begannen die Panel-Teilnehmer zunächst damit, von ihrer persönlichen Beziehung zum Archiv zu berichten. So erzählte Birgit Emich recht eindrucksvoll, wie sie nach einem Jahr stiller Recherche im Vatikanischen Geheimarchiv Dominikaner von Franziskaner allein schon am Knarren und Knarzen ihrer Mönchssandalen unterscheiden konnte. Ihre Kollegen assoziierten den Aufenthalt im Archiv eher mit dem Visuellen (Darstellung des Archivs als Tresor geheimen Wissens und Abschiebebahnhof für unbequeme Kriminalbeamten im ARD Tatort) oder Geschmacklichen (das Archiv als Weinkeller für Geschichtsgurmets).

Einige Aspekte der Diskussion:

  • Plädoyer für die Hilfswissenschaften: Allgemein hatte man sowohl im Panel als auch im Publikum den Eindruck, dass die heutigen Studenten und sogar einige Doktoranden im Verlauf ihres Studiums zu wenig Kontakt mit den Hilfswissenschaften hätten. Und das, wo doch gerade die sinnliche Erfahrung im Umgang mit den authentischen Forschungsobjekten im Archiv für viele Diskussionsteilnehmer wesentlich zur Identifikation mit ihrem Fach beigetragen hatte, in den Beschreibungen ja mitunter schon fast Erweckungserlebnis-ähnliche Züge hatte. Denn: „Im Archiv entscheidet sich wer Historiker wird und wer nicht.“
  • NSU-Aktenvernichtung: Das Bild der Archive in der Öffentlichkeit wurde eher pessimistisch gesehen. Gerade gegen die skandalöse Aktenvernichtungen im Zuge der NSU-Affäre hätte man „getrommelt und geschrien“. Aber außer anderthalb Artikeln in der Süddeutschen Zeitung hätte es die Medien nicht interessiert, dass „nicht der Verfassungsschutz oder sonst irgendeine Behörde“, sondern nur die Archive das Recht hätten Akten zu vernichten. (van Laak)
  • Mehr Geld für Replikate als für Originale: Auch die Schieflage in der Finanzierung von Archiven wurde diskutiert. Laut den Archiven (van Laak?) könne es nicht sein, dass der Architekt für das Gebäude, in dem die Replikate ausgestellt werden, mehr Geld bekäme, als das Magazin in dem die Originale ruhen. Beispiel war hier das Berliner Ausstellungsprojekt „Topographie des Terrors“.

Neben den genannten Aspekten dominierte in der Diskussion jedoch eindeutig die Frage nach den Folgen der Digitalisierung für die historische Forschung. Gerade Birgit Emich sah hier trotz der zahlreichen nicht zu leugnenden Vorteile zwei Gefahren:

GEFAHR NR. 1: selektive Digitalisierung führt zu selektiver Forschung
Im Gegensatz zu den eher quellenarmen Epochen der Antike und des Mittelalters wäre es laut Emich utopisch anzunehmen, dass in der quellenreichen Frühen Neuzeit geschweige denn in der Neuzeit jemals eine flächendeckende Digitalisierung erreicht werden könnte. Neben der schieren Masse der Quellen verhindern gerade die nur sehr schwer zu entziffernden Handschriften ein solches Projekt. Dies führe ihrer Erfahrung nach schon jetzt zu einer gefährlichen Tendenz: Geforscht wird nur über das „was online“ ist. Es drohe also gerade bei vielen jungen Historikern eine Missachtung der Handschriften. Dementsprechend plädierte Emich dafür, Online-Angebote der Archive parallel und nicht _statt_ eines Archivaufenthalts zu nutzen. Unterstützt wurde sie von Kiran Klaus Patel, der gerade hinsichtlich globalgeschichtlicher Ansätze betonte, dass Historiker sich nicht immer nur in die wohl-klimatisierten Zentralarchive der Westlichen Welt begeben könnten (z.B. London), sondern sich auch in die Archive der ehemaligen Kolonien (Stichwort: Eurozentrismus) wagen müssten.

GEFAHR NR. 2: Quantität und Isolation der Quellen als Gefahr für Close Reading und Provenienzsystem
Während die Logik des  ersten Punktes nicht von der Hand zu weisen war, sprach aus den Ängsten vor einem „Ende des Close Readings“ durch rein quantitative Analysemechanismen wie Googles Ngram Viewer und dem Ende des Provenienzsystems durch die digitale „Isolation der Quellen“ (Emich), meiner Meinung nach der Kulturpessimismus. In die gleiche Kerbe schlugen Aussagen, welche Internetseiten die Eigenschaft als Quelle absprachen, da diese veränderbar seien oder die Gefahr vor den „vagabundierenden Quellen“ auf Wikipedia (van Laak). Auf den an dieser Stelle notwendigen Hinweis, dass das Internet lediglich ein Medium ist, über dessen inhaltliche Qualität wir genauso wenig pauschale Aussagen treffen können, wie über Druckerschwärze auf Papier, wartete ich vergeblich…

…aber wahrscheinlich wollte wollte niemand der geistig gesättigten Konferenzteilnehmer (mich inbegriffen) so kurz vor Schluss noch eine Grundsatzdiskussion eröffnen und so gingen drei Tage Marathonkolloquium in Mainz zu Ende. Schön war es auf dem Historikertag 2012!

Skizzen und Notizen zur Sektion “Geschmack des Archivs”.

Skizzen und Notizen zur Sektion “Geschmack des Archivs”.

Rückblicke auf die ersten beiden Tage des Historikertags 2012:

Historikertag 2012, Tag 2: Krill und Kredite

Teil 2: Krill und KrediteHitlers Kredite: Nachdem Ressourcen und Konflikte am ersten Tag kaum zu spüren waren, machte sich das Hauptthema des Historikertags 2012 am Donnerstag deutlich bemerkbar. Der zweite Tag begann für mich mit der Sektion „Kriegsmobilisierung und Ressourcenkonflikte im Nationalsozialismus 1936-1945„. Hier war es gerade Adam Tooze, der mit seinem Vortrag über die Rüstungsfinanzierung der Nationalsozialisten begeistern konnte. Ein von ihm an die Wand geworfenes Plakat der Deutschen Sparkassen aus der NS-Zeit verdeutlichte mit der Losung „Kämpfen, Arbeiten, Sparen“, dass auch oder gerade bei den Nazis ohne Moos nichts los war. Denn gerade die zum Teil doch noch mit Freiheiten ausgestattete Planwirtschaft der Nationalsozialisten vermochte fast bis zum Schluss die Ersparnisse der Deutschen für den Zweiten Weltkrieg zu mobilisieren.

Skizzen und Notizen zu den Vorträgen von Adam Tooze (Yale), Rüdiger Hachtmann (Potsdam) und Ariane Tanner (Zürich).

Skizzen und Notizen zu den Vorträgen von Adam Tooze (Yale), Rüdiger Hachtmann (Potsdam) und Ariane Tanner (Zürich).

Meeresressourcen: Sehr kompakt aber um so inspirierender war die Sektion „Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspolitische Ressourcenfragen in den 1960er und 1970er Jahren„. Wie der Kollege Matthias bemerkte, konnte man die Andersartigkeit dieser Sektion förmlich schon am Kleidungsstil, Alter und Habitus der Vortragenden fest machen. Einige interessante Aspekte:

  • Ariane Tanner referierte über die Hoffnungen, Träume, Forschungsideologien und abstrusen Deutungskämpfe, welche sich in der Nachkriegszeit an der „fotosynthetischen Wundermaschine“ Plankton fest machen lassen. So dachte man damals wohl doch tatsächlich darüber nach, die Tiefsee mit Hilfe der Kernenergie aufzuheizen, um so noch mehr Plankton zu züchten. Der Theorie nach wäre der Kampf um die Ressource Nahrung in einer überbevölkerten Welt damit im Handumdrehen erledigt. Wie so oft kam es dann aber doch ganz anders.
  • Franziska Torma beschäftigte sich mit „Fisch als symbolisches Kapital“ in Thailand, wo westdeutsche Fischereiexperten die „Fischbestände unter wissenschaftliche Kontrolle bekommen wollten.“ Die Thailändische Seite hingegen sah im industriellen Fischfang, in der industriellen Fischverarbeitung usw. ihr Sprungbrett ins Industrielle Zeitalter gekommen, eine Entwicklung von der man sich einmal begonnen nur schwer wieder lösen konnte und wollte. Und dennoch: „Am Golf von Thailand waren die Grenzen des Wachstums keine bloße Computersimulation mehr.“ Denn irgendwann „waren einfach keine mehr da.“
  • Christian Kehr entwickelte am Pult eine feingliedrige Wissenschaftsgeschichte, in der er die deutsche Polarforschung und darin gerade die Forschungs- und Territorialbestreben der Bundesrepublik in der Antarktis mit dem Krill verband.

Das Fazit sprach Sabine Hohler: „Auf einer begrenzten Erde hieß Wissenschaft Raumgewinn mit anderen Mitteln.“

Mitglieder der Meeres-Sektion. Im Hintergrund: Christian Kehrs Vortragsfolie "Verarbeitungsverfahren für Krill" mit den Endprodukten "Krill-'Hack'", "Krillcreme" und "Krillsuppe".

Mitglieder der Meeres-Sektion. Im Hintergrund: Christian Kehrs Vortragsfolie „Verarbeitungsverfahren für Krill“ mit den erhofften Endprodukten „Krill-‚Hack'“, „Krillcreme“ und „Krillsuppe“.

Rückblicke auf die übrigen Tage des Historikertags 2012:

Historikertag 2012, Tag 1: Digitalos und Verrat

Dreitage-Kolloquium, geisteswissenschaftliches Wacken, Historiker-Happening, Geschichtler-Convention – mindestens einmal sollte man dabei gewesen sein. Grund genug seine sieben Sachen zu Packen und sich mit ein paar Kommilitonen auf nach Mainz zum Historikertag 2012 zu machen.

1. Tag: Digitalos und Verrat

Bei den Digitalos: Die Sektion „Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Tendenzen, Strategien, Beispiele“ gehörte für mich natürlich zum Pflichtprogramm. Da es hierzu aber noch ein detaillierterer (Sektions)bericht in der Mache ist, will ich hier noch nicht allzu viel verraten…
Nur soviel: Meine leise Befürchtung, dass die Sektion zu einer reinen „Blogroll“ der üblichen Verdächtigen verkommen würde, hat sich nicht bestätigt.

Verrat: Nach dem Protokoll-, Twitter- und Notizenmarathon am Vormittag verlief der Nachmittag, subjektiv gesehen ,etwas entspannender und was die Aufzeichnungen angeht, wesentlich textärmer. Koffeingestärkt wohnten Kollege Matthias und ich der Verrats-Sektion „Verrat! Geschichte einer diskursiven Ressource von der Renaissance bis zur Gegenwart“ bei, auch um „unsere“ Geschichtler aus Münster (André Krischer und Ulrich Hoffmann) zu unterstützen.

Skizzen zu den Vorträgen von Andreas Oberhofer (Innsbruck) und Peter Hoeres (Gießen).

Skizzen zu den Vorträgen von Andreas Oberhofer (Innsbruck!) und Peter Hoeres (Gießen).

Rückblicke auf die folgenden beiden Tage des Historikertags 2012: