Bloggende Kollegen: Im Laboratorium für Geschichte und über der Schulter eines bibliophilen Juristen

Man sollte sie lesen, denn diese beiden Wahl-Münsteraner haben einiges zu sagen. Den einen kenne ich aus dem Geschichtsstudium, den anderen aus dem Comiclesekreis. Interessant ist ihr Verhältnis zum Visuellen. 

Laboratorium für Geschichtetexte und bilder

 

 Laboratorium für GeschichteDer Historiker…

…heißt Alexander Kraus und ist derjenige mit dem ausgefallenen Design (komplett neu programmiert, stark auf Typografie und einige wenige Grafiken reduziert und nicht zuletzt der einzige mir bekannte Blog im World Wide Web mit einem echten Kommentar- bzw. Fußnotenapparat am rechten Seitenrand).

Das Visuelle hat aber auch in den Inhalten des Laboratoriums für Geschichte einen hohen Stellenwert – z.B. in den detaillierten Analysen bildlicher Geschichtsquellen (Karten, Fotografien etc.); ein Aspekt, den ich am eigenen Geist erfahren durfte, als ich vor gut anderthalb Jahren an einem Kurs von Alexander teilnahm. Und ich muss sagen, ich war perplex, wie weit man kommt, wenn zunächst auf Stunden nur zwei im Raum sind:
die Quelle und Du.
Vielleicht lässt sich dieser Effekt bei der Analyse von Bildern leichter erreichen als bei Texten, aber die Erfahrung hat mich dennoch nachdenklich gemacht: über das Selbstbewusstsein, die autonome Analysefähigkeit und die allzu verbreitete (und durch das Internet natürlich noch einfacher zu lebende) Marotte von Historikern, kaum einen Quellensatz zu Ende zu lesen ohne sofort Sekundärliteratur, Datenbanken und Handbücher zurate zu ziehen und somit den eigenen Denkprozess gleich zu Beginn durch Fremdinterpretationen zu belasten.

Links:
Der Blog: laboratorium-fuer-geschichte.de
Schreibwerkstatt von Alexander Kraus
Alexander auf Twitter (@laboratorium)

texte und bilderDer Jurist…

… heißt Tobias H. Witte und ist der Comic- und Bücherliebhaber unter den beiden. Ich kenne Tobias erst seit einem Jahr (Wir hatten uns bei Twitter über den Weg getextet und tüftelten später im Schatten des Doms die Idee eines Comiclesekreises aus.). Wie ich später erfuhr, beschränkt sich Tobias‘ Vorliebe für bedrucktes Papier nicht allein auf die Kombination von Bild und Wort. Mittlerweile kenne ich ihn als sehr belesenen Mann, der seit Ende letzten Jahres regelmäßig über seine Erfahrungen als Lesender berichtet und dabei schon so manch geistreiche Rezensionen, Doppelrezension und Tripelrezension verfasst hat und in Zukunft sich wohl auch (so munkelt man in Münster) sogar an die vierfache Rezension heran wagen will.

Was mir an Tobias‘ Blog sehr gefällt, spiegelt sich allein schon im Titel texte und bilder wieder: Im Gegensatz zu den meisten Literaturblogs, die ich kenne, schaut der Kollege aus der Juristerei regelmäßig über den medialen Tellerrand und verbindet und Vergleicht die verschiedenen Publikationsformen. Wohin das auch führt; ich bin gespannt.

Links:
Der Blog: texteundbilder.com
Tobias auf Twitter (@thw85)

Geschichte im Radio – Interview beim Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung

Interview zu Geschichte im RadioFür diejenigen, die es verpasst haben: Anfang 2012 hat mich das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung interviewt. Wer sich also dafür interessiert, was ich von Geschichte im Radio, Guido Knopp-bashing, geisteswissenschaftlichen Taxifahrer-Syndromen und langen Texten im Netz halte, kann ja mal rein schauen.

Mit freundlicher Genehmigung des L.I.S.A.-Wissenschaftsportals kann 
das Interview nun auch direkt hier im Blog gelesen werden.

„Geschichte einmal anders erzählen“

Interview mit Philipp Spreckels

Philipp Spreckels studiert in Münster Geschichte – angestrebter Abschluss ist der Master. Neben seinem Studium arbeitet er regelmäßig an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Journalismus. Unter anderem betreibt er einen eigenen Blog und war für etwa zwei Jahre Onlinechef des Geschichtsmagazins ‚Q History‘ beim Campussender ‚Radio Q‘. Zurzeit ist er Online-Redakteur der Westfälischen Wilhelms-Universität.

Wir haben Philipp Spreckels zu seinem Verständnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit gefragt und wollten unter anderem wissen, wie Geschichte jenseits gängiger Formate in modernen Medien erzählt werden kann.

„In einem Beitrag ist oft mehr hängen geblieben als in einer Vorlesung“

L.I.S.A.: Herr Spreckels, Sie studieren Geschichte und haben lange Zeit zusätzlich für das Campus-Radio der Uni Münster gearbeitet. Was zieht einen Historiker zum Radio?

Spreckels: Die Möglichkeit sich in einem, mir damals, völlig unbekannten Medium auszuprobieren. Und um es besser zu machen. Unter Dozenten wie auch Studenten gehört das Guido Knopp-bashing heute ja immer noch zum guten Ton. Sich aber selber einmal hinter die Kamera oder das Mikrofon zu begeben und es (hoffentlich) besser zu machen, das wollte ich testen.

L.I.S.A.: Und was führte Sie speziell zum Radio?

Spreckels: Nun, das war eher ein Zufall. Ich hatte gerade ein langwieriges Hobbyprojekt abgeschlossen und suchte nach einem neuen Zeitvertreib. Da kam ein Aushang des Campusradios gerade Recht – zumal ich von dem Geschichtsmagazin vorher noch nie gehört hatte. Ich dachte mir: warum nicht?

Was mich als Historiker beim Radio gehalten hat und was mich immer noch daran fasziniert, ist die Vielfalt der Zutaten und die besondere Textsituation. Für den Zuschauer gibt es – wie im TV – kein Zurück mehr, er kann den Absatz nicht noch einmal lesen und überdenken. Das macht das Schreiben der Texte – gerade historisch-komplexer – unheimlich ansprechend. Andererseits hat man durch Soundeffekte, musikalische Untermalung, Audioquellen oder die raspelige Stimme eines alten Zeitzeugen die Möglichkeit, den Hörer sehr nah an das Thema heran zu führen. Wobei natürlich auch diese Chancen Risiken mit sich bringen (z.B. Emotionalisierung, Personalisierung).

Zudem ist es faszinierend den hohen Herrschaften aus der Vorlesung nun plötzlich auf Augenhöhe zu begegnen und mit Ihnen ungestört zu diskutieren. Manchmal hatten wir sogar das Gefühl, dass durch die Recherchen, Interview und Schnitt eines Beitrags mehr hängen geblieben ist als in so mancher Vorlesung.

L.I.S.A.: Spielte auch die berufliche Aus- oder Weiterbildung eine Rolle? Die Perspektive auf eine Anstellung in den Medien?

Spreckels: Natürlich. Auch wenn wir noch so gute Noten haben oder viele Praktika absolvieren, nahezu bei allen Studenten der Geisteswissenschaften und somit auch bei Historikern ist das ‚Taxifahrer-Syndrom‘ stark ausgeprägt. Ständig hat man das Gefühl sich fortbilden zu müssen und sich auch ja außerhalb des Studiums in der ‚wirklichen‘ der ‚praktischen‘ Welt beweisen zu müssen. Die Angst, nach dem wunderbaren Geschichtsstudium ohne Job dazusitzen, kann einen sehr belasten – aber eben auch motivieren.

„Ich habe mit dem toten Leopold von Ranke gesprochen“

L.I.S.A.: Sie waren unter anderem Online-Chef von Q History, der Geschichtsrubrik von Radio Q. Was ist das Anliegen von Q History? Nach welchen Kriterien haben Sie die Themen gesetzt?

Spreckels: Das Ziel von Q History war es immer Geschichte inhaltlich oder methodisch anders zu erzählen als in den Mainstream-Magazinen. Wir haben uns immer gefragt: welche Geschichten, welche Aspekte großer / kleiner Geschichten sind bisher noch nicht behandelt worden? Welche Zusammenhänge gehen unter? Wie steht es z.B. um die Darstellung von Geschichte in Computerspielen und Comics? Welche Erinnerungsorte hält der deutsche Fußball bereit …

Dazu kam dann die Frage nach dem wie. Wie kann man diese Geschichten neu erzählen? Das fing an mit ungewöhnlichen Themenkomplexen und reichte später bis hin zu Audiokollagen und fiktiven Interviews, wie mein Gespräch mit dem toten Leopold von Ranke (gesprochen von Gerd Althoff) in der Berliner U-Bahn.

L.I.S.A.: Und inhaltlich? Gab es auch dort eine Entwicklung?

Spreckels: Ja, auch inhaltlich haben wir uns mehr getraut. Während wir uns anfangs lediglich klassisch-distanzierte Themen wie Monarchie, Reisen und Erinnerungsorte behandelten – haben wir uns später auch an heikle tagesaktuelle Themen gewagt. Aus diesen Überlegungen sind dann z.B. die „Wir sind dagegen“ (Arabischer Frühling, Tea Party) und die „Wer darf töten?“-Sendung (Erschießung bin Ladens) entstanden, in denen wir zu den aktuellen Ereignissen und Fragestellungen eine in den Medien oft vernachlässigte, historische Perspektive bieten wollten.

„Vielleicht erlebt der lange Text im Netz sein Comeback“

L.I.S.A.: Sie bloggen auch. Worüber und welches Medium eignet sich ihrer Meinung nach besonders für historische Themen und warum?

Spreckels: Wenn ich mein eigenes Nutzungsverhalten beobachte, würde ich prinzipiell Podcasts oder eben Radio-on-demand für lange und komplexe Fragestellungen empfehlen. Wer sich im Zug oder beim Abwasch einen Podcast anhört, bringt Zeit und Aufmerksamkeit mit. Einen solchen Hörer kann man auch schon mal mit Interviews konfrontieren, die 8, 20 oder gar 60 Minuten dauern. (Das beste Beispiel für einen solchen Wissenschaftspodcast ist meiner Meinung nach Raumzeit, ein Magazin das gänzlich aus sehr langen Interviews mit Weltraumwissenschaftlern besteht.) Es gibt nur einen Haken aus Perspektive der Macher: noch kann Google keine Sounddateien indexieren und die black box der Aufnahme für Internetrecherchen anderer öffnen.

Bei Blogs und Twitter sieht die Situation anders aus. Wer vor einem Desktop-PC hockt, befindet sich im Arbeitsmodus, der scannt oft nur noch die Seiten und lässt sich kaum noch auf längere, geschweige denn komplexe Texte ein. Hier ist es besser kurze Häppchen, Quellenfunde, kleine Interviews, Eindrücke, Zitate, Hinweise oder Kommentare zu platzieren und auch angenehmer zu lesen. Aber ich bin mir sicher, dass sich dieses Leseverhalten bzw. diese Lesehaltung sehr stark durch die Verbreitung der Tablet-PCs ändern wird. Vielleicht erlebt der lange Text im Netz dann ja sein Comeback.

„Live hat kaum jemand die Sendung gehört, aber…“

L.I.S.A.: Welche Resonanz finden so spezifische Medienangebote, wie beispielsweise Radioprogramme oder Blogs zur Geschichtswissenschaft? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Spreckels: Gerade weil wir unser Geschichtsmagazin nicht auf die Schlagwörter Münster und Studenten beschränkt haben, konnten wir in relativ kurzer Zeit viele Menschen erreichen. Allerdings muss man hier sehr stark zwischen dem Radio-Livestream selbst und den Artikeln im Netz bzw. dem Podcast unterscheiden.

Live hat kaum jemand die Sendung gehört. Da waren wir schon happy wenn 15 Leute im Stream verweilten. (Wie viele uns mit analogem Radio zugehört haben können wir nicht sagen.) Was mich aber nicht verwundert hat: wer setzt sich schon dienstagabends um 20 Uhr vor das Radio und hört zu? Wir haben ein lean forward-Magazin für ein lean back-Medium gemacht.

Dementsprechend anders war die Lage im Netz. Durch die Abo-Möglichkeiten von Blog, Facebook & Twitter konnten wir hier viele Fans und Follower aber auch Kollegen erreichen und vor allem: auch mit ihnen kommunizieren! Die Verschriftlichung und Aufbereitung der Beiträge mit Archiv- und Themenbildern hat die Beiträge vielen nahe gebracht, die uns sonst nie ihre Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Neben dem Blog selbst haben Suchmaschinen wie Google und die Aktivitäten in den Sozialen Netzwerken hier eine ganz entscheidende Rolle gespielt.

L.I.S.A.: Und können Sie sagen, wer genau Ihr Magazin las / hörte?

Spreckels: Das ist beim Radio natürlich nicht immer so einfach. Aber ein grobes Gefühl dafür stellt sich bei einem schon ein. Obwohl das Magazin ausschließlich von Studenten gemacht wurde, hatte ich das Gefühl, dass wir – was unsere Stammleser und -hörer angeht – eher den webaffinen, akademischen Mittelbau als die Studenten erreicht haben. Zumindest der Altersdurchschnitt der Facebook-Fans scheint dies zu bestätigen.

„Der akademische Mittelbau ist netzaffin“

L.I.S.A.: Wie reagiert die Wissenschaft auf neue mediale Angebote? Wie steht es um die Beteiligung von Wissenschaftlern an modernen Medien?

Spreckels: Die Reaktionen sind eher verhalten. Zumindest in meinem Studium war es so, dass die meisten Dozenten neue Medien und Techniken nicht wirklich als Alternative zu den klassischen Kanälen wie Zeitung und TV gesehen haben. Bei den Geschichtsdidaktikern und -kultur’lern sieht die Sache natürlich etwas anders aus – aber auch dort konzentriert man sich noch sehr stark auf die Arbeit mit den alten Medien. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass sich dies gerade durch den netzaffinen akademischen Mittelbau in den nächsten Jahren ändern wird. Etwas allgemeiner gesprochen: ein Ende der Medialisierung der Wissenschaften (nicht nur der Geschichte) ist noch nicht in Sicht – im Positiven wie im Negativen.

Philipp Spreckels hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Foto: cc-by-nd Lalit Shahane

Zombies, Wiedergänger und der Geist Leopold von Rankes: Q History gewinnt den Campusradiopreis 2011

Es muss nicht immer Hitler sein. Auch Untote lassen sich historisch aufarbeiten.

Das Daumen drücken hat geholfen. Nach dem Anerkennungspreis 2010 konnte das Q History-Team 2011 nun auch in der Kategorie Wissenschaft den Campusradiopreis der Landesanstalt für Medien NRW mit nach Hause nehmen.

Offenbar war es nicht von Nachteil, dass wir uns in der eingereichten Beiträgen eher mit fiktiven Horrorgestalten und tot-geglaubten Historikern als eingefleischt aber langweiligen Dauerbrennern wie Hitlers Generälen, Frauen und Hunde beschäftigt haben.

Die Campusradiopreis-Jury schreibt:

„Wissenschaft mal etwas anders. Das Redaktionsteam zeigt, dass Wissenschaft sehr unterhaltsam sein kann. Oder anders: Dass Unterhaltung wissenschaftlich sein kann. […] Mit der Nominierung der Radiosendung ‚Q History‘ zum gesamten Themenkomplex ‚Untote‘ wird eine wissenschaftliche Gesamtleistung gewürdigt, die aufwendig und hörernah produziert wurde.“

„Wissenschaft mal etwas anders. Das Redaktionsteam zeigt, dass Wissenschaft sehr unterhaltsam sein kann.“

Als ehemaliger Onlinechef von www.qhistory.de hat mich persönlich natürlich sehr gefreut, dass die Jury neben dem Radioprogramm auch etwas für Blog & Co. übrig hatte: „Besonders hervorzuheben ist die crossmediale Begleitung der Sendung.“

Den Ausschlag gaben folgende Beiträge (nachzuhören auf den Seiten der LfM & bei qhistory.de):

  • Wenn die Hölle zu voll ist – Die Geschichte des Zombiefilms (Matthias Friedmann)
  • Die Schmatzenden Toten: Aberglaube und Leichenbekämpfung in der Vorzeit (Frank Schlegel)
  • Interview mit einem Toten: Der preußische Historiker Leopold von Ranke im Gespräch (Philipp Spreckels, Transkript des Interviews)

Das schönste an der ganzen Sache ist aber, dass nicht nur die Beitrags-Autoren sondern die gesamte Q History-Redaktion* mit dem Preis ausgezeichnet wurde. Hinzu kommt, dass sich das Q History-„Mutterschiff“ Radio Q neben einem Gewinn in der Kategorie Wissenschaft auch über den 1. Preis in der Kategorie Hochschule freuen kann.

*: Neben Matthias Friedmann, Frank Schlegel und Philipp Spreckels
also auch Daniel Meyer, Cornelia Pfeifer, Christine Krüger, Astrid
Mohr und Henrik Kipshagen.
Foto: siehe dieser Artikel

lfm Campus-Radio-Preis 2011: Aachen wir kommen!

Das sind doch mal schöne Nachrichten. Die alte Q History-Truppe* ist für den lfm Campus-Radio-Preis 2011 (Kategorie: Wissenschaft) nominiert worden. Und nicht nur das, auch in den Kategorien Moderation und Hochschule wurden Kollegen aus dem Campusradio „Radio Q“ nominiert.

Sollte es nach dem letzten Jahr noch ein zweites Mal klappen? Egal – Aachen wir kommen!

* Matthias Friedmann (CvD und Redakteur), Daniel Meyer (Moderator), Frank Schlegel, Henrik Kipshagen, Christine Krüger, Cornelia Pfeifer, Astrid Mohr und ich (Redakteure).

Foto: by-nc ABC Archives

Die Diktatur der ‚Docs‘ – Voodoo als Werkzeug der Diktatur

François 'Papa Doc' Duvalier während eines Treffens mit David Tercero Castro 1968

In Haiti droht(e*) sich die Geschichte zu wiederholen. Jean-Claude ’Baby Doc’ Duvalier ist zurück. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, denn nach dem Erdbeben wüten die politischen Lagerkämpfe schlimmer den je. Wenn ’Baby Doc’ die Macht an sich reißen will, könnte ihm der Voodoo wieder gute Dienste leisten.

Fünfziger Jahre, Haiti, Wahlkampf. François ’Papa Doc’ Duvalier (1907-1971) zieht alle Register, um an die Macht zu kommen. Der Arzt behauptet unter anderem ein Houngan zu sein – ein echter Voodoo-Priester also. Sein Äußeres und seine Stimme (schwarze Kleidung, nasale Stimme) passt er dem populären Bild von Baron Samedi an. Als Verkörperung des Voodoo-Totengottes will er das höchste Amt erringen. Duvaliers Rechnung geht auf: Angst und religiöse Ehrfurcht treiben die Massen zu den Urnen – 1957 wird ’Papa Doc’ Präsident Haitis.

Die Wurzeln des Voodoo liegen im Sklavenhandel

Voodoo, was ist das überhaupt? Satanisten, Voodoo-Puppen, Zombies und bestialische Blutopfer – unser Bild des Voodoo wird bestimmt von Hollywood. Die realen Wurzeln dieser fremden Religion liegen in einem der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte begraben: dem transatlantischen Sklavenhandel.

Es gibt die Maobibel und Gaddafis Grünes Buch, eine Voodoo-Bibel gibt es jedoch nicht. Der Voodoo entstand, als Millionen Afrikaner versklavt wurden und mit Schiffen in die amerikanischen Kolonien gebracht wurden, unter anderem in die Karibik. Dort verschmolzen die afrikanischen Stammesreligionen miteinander. Im Zentrum der neuen Mischreligion steht der Gott Bondye und die Loa – kleinere Gottheiten, Ahnengeister und Heilige – mit denen Voodoo-Gläubige durch rituelle Musik, Gesang und Tanz kommunizieren. Voodoo bezeichnet man auch als animistische Religion, da die Grundsätze dieses Glaubens nie aufgeschrieben worden sind. Deshalb gab und gibt es nicht den Voodoo – jeder Voodoo-Priester praktiziert seine ganz eigene Religion.

Ohne diese Flexibilität hätte der Voodoo nie überleben können – christlichen Missionaren gelang es nicht, den Voodoo zu verdrängen. Statt sich von ihren afrikanischen Wurzeln abzuwenden, wurden katholische Motive und Vorstellungen in den Voodoo integriert. So wird der Schlangengeist Dmballah noch heute als Heiliger St. Patrick verehrt.

„Doc, der Du regierst im Palast, töte all Deine Feinde …“

Diese Wandlungsfähigkeit weiß ’Papa Doc’ für sich zu nutzen. Er bedient sich am Symbolsystem des Voodoo und schustert sich seine eigene Version der Religion zusammen, mit der er die Bevölkerung unterdrücken will. Dies zeigt sich in vielerlei Hinsicht.

Duvalier muss seine Gewaltherrschaft legitimieren und tut dies, indem er einen Personenkult um sich aufbaut. Sein an Baron Samedi angelehntes Äußeres und seine Behauptungen Voodoo-Priester zu sein, haben Erfolg. Bald sagen die Bürger Haitis ihrem Präsidenten übernatürliche Kräfte zu. In den Schulen führt Duvalier sogar ein neues Morgengebet ein: “Doc, der Du regierst im Palast, töte all Deine Feinde …“ In den Augen der Voodoo-gläubigen Bevölkerung muss jeder Widerstand gegen den ‚von höheren Mächten‘ auserwählten Präsidenten zwecklos erscheinen.

Die Haitianische Revolution begann mit einem Voodoo-Ritual

Eine Voodoo-Kirche existiert nicht. Die Kolonialherren hätten eine Voodoo-Kirche neben dem Christentum niemals geduldet. Aber auch nach der Haitianischen Revolution, in der die Sklaverei und die Herrschaft der weißen Europäer ihr Ende fand, bildete sich keine Voodoo-Organisation heraus – und das, obwohl der Voodoo-Priester Zamba Boukman zusammen mit anderen Houngan 1791 im Bois Caiman (Wald der Caimanen) ein Ritual abgehalten haben soll, dass als Startschuss für den Sklavenaufstand gilt. ’Papa Doc’ nahm einer möglichen Houngan-Revolution schon vorweg Wind aus den Segeln, indem er sich zum obersten Voodoo-Priester und der Verkörperung Haitis selbst erhob.

Auch dieser Aspekt spielt Duvalier in die Hände. Während die Kirchen in Europa ein spirituelles wie auch politisches Gegengewicht zu den jeweiligen Regierungen aufbauen konnten, hat ’Papa Doc’ hier nichts zu befürchten. Die Voodoo-Priesterschaft selbst hat keine gemeinsame Organisation, die dem Diktator bedrohlich werden könnte. Auch kann sich keine Opposition unter dem Deckmantel des Voodoo entwickeln, wie dies z.B. in der ehemaligen DDR der Fall war.

Hexerei ist für Voodoo-Gläubige kein Aberglaube sondern Realität. Die Angst von einem bokor (Schwarzmagier) in einen Zombie verwandelt zu werden oder Opfer eines Fluchs zu werden, ist alltäglich. Schutz versprechen nur Voodoo-Priester und diese lassen sich ihre Hilfe etwas kosten. Ob als Dorfpriester oder als Präsident des Landes, wer Schutz vor bösem Zauber verspricht, kann schnell zu Macht gelangen. Die hohe Armmut und Analphabetenrate in der Bevölkerung tun ihr übriges.

Papa Docs Voodoo-Miliz hält das Volk mit Terror unter Kontrolle

Die Angst vor schwarzer Magie spiegelt sich auch in der Privatmiliz von ’Papa Doc’ wieder. Die Milice Volontaires de la Sécurité Nationale (MVSN) wurde 1959 gegründet, um durch Gewalt und Terror die Bevölkerung unter Kontrolle zu halten. Im Volksmund war die verhasste Miliz unter dem Namen Tonton Macoute (vergleichbar mit dem ’Schwarzer Mann’) bekannt. Die Sagengestalt soll des nachts Kinder aus ihren Betten holen und sie in ihren Umhängesack (macoute) stecken – auch die Miliz war dafür bekannt, Regierungskritiker im Schutz der Dunkelheit verschwinden zu lassen.
Außerdem waren die Tonton Macoutes für wahllose Exekutionen und Grausamkeiten (sie hängten die Leichen ihrer Opfer in die Bäume), ihre martialischen ‚Uniformen‘ (Ray Ban-Sonnenbrillen und Machteten), sowie die ’Begabung’ ihrer Mitglieder bekannt – auf den Wunsch Duvaliers waren viele Voodoo-Priester der Truppe beigetreten. Wer wollte da schon rebellieren und neben dem Leben womöglich auch noch seine Seele verlieren?

1986 wurde ’Baby Doc’ aus Haiti vertrieben doch seit 2010 haben Angst und Aberglaube Haiti wieder im Würgegriff. 45 Houngans wurden Ende des Jahres von wütenden Volksmassen gelyncht, da man glaubte, sie hätten die Cholera-Epidemie ausgelöst. Es ist also gut möglich, dass ’Baby Doc’ oder ehemalige Tonton Macoutes versuchen die Situation auszunutzen und sich mit Voodoo wieder an die Macht putschen wollen.

*: Der Text war ursprünglich als Zeitungsartikel für Anfang 2011 geplant. Anlass war die turbulente Präsidentschaftswahl in Haiti und die unerwartete Rückkehr ‚Baby Docs‘ in seine Heimat. Bewahrheitet haben sich die aus der Geschichte abgeleiteten Befürchtungen zum Glück nicht.
Foto: public domain

Captain America: Der Übermensch aus Übersee

Captain America - ComicgeschichteCaptain America verprügelt auch in der neusten Verfilmung stereotype Nazi-Soldaten, dabei stand der patriotische Comic-Helden schon mal kurz davor gegen George W. Bush anzutreten.

Er ist groß, blond, blauäugig und schreitet wie ein Kriegsgott über die Schlachtfelder des Zweiten Weltkrieges. Die Rede ist von Captain America, der amerikanischen Antwort auf den Übermenschen-Rassenwahn der Nazis. Anfang August kommt der Superheld in die US-Kinos (Captain America: The First Avenger), ein Blick in die Geschichte des Comics lohnt sich schon jetzt.

März 1941, ein Jahr vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, erscheint das erste Heft von Captain America. Von nun an nimmt sich der patriotische Superheld Japaner und Nationalsozialisten zur Brust. Erzfeind von Captain America ist Red Skull, alias Johann Schmidt, die rechte Hand Hitlers und Kopf einer Nazi-Terrororganisation.

Von Hurra-Patriotismus bis Sozialkritik

1945 endet der Krieg. Die Nazis sind besiegt, Red Skull geschlagen, doch an Ruhestand ist nicht zu denken. Nach kurzer Einstellung der Comic-Serie wird der Superheld Mitte der 60er Jahre wiederbelebt. Statt einfarbig-stereotypen Nazis hat es Captain America nun mit dem drohenden Atomkrieg, der eskalierenden Situation in Vietnam sowie US-internen Problemen wie dem Watergate-Skandal zu tun.

Da sich das Selbstbild Amerikas und damit auch die Definition von Patriotismus ständig verändert, muss auch Captain America sich immer wieder neu erfinden. Je nach Autor und Zeit schwankt die Darstellung von Hurra-Patriotismus bis Sozialkritik – so rettet Captain America nach dem 11. September 2001 einen US-Araber vor dem wütenden Vater eines World Trade Center-Opfers, nur um kurze Zeit später Jagd auf Al-Qaida zu machen.

Der Irakkrieg spaltet die Comicfans

Der Einmarsch in den Irak (2003) spaltet die Fans des Superhelden, wie der Comic-Autor Ed Brubaker der Daily News verriet: „Alle radikal-linken Fans schienen sich einen Captain America zu wünschen, der an Straßenecken Reden gegen die Bush-Regierung schwingt. Der rechte Flügel hätte es dagegen gerne gesehen, wenn er in den Straßenschluchten Bagdads gegen Saddam Hussein gekämpft hätte.“ Die Diskussion um den Comic wird zum Spiegel der öffentlichen Debatte in den Vereinigten Staaten.

Auch wenn die Verwicklung der USA in militärische Konflikte rund um die Welt (zuletzt in Lybien) nicht abreißt und auch der War On Terror über den Tod von Osama bin Laden hinaus andauert, wirkt der muskelbepackte Supersoldat heute deplatziert. Mit einer starken Rechten lassen sich vielleicht Fundamentalisten und Tyrannen stoppen, gegen Finanzkrisen, WikiLeaks und die wachsende Macht Chinas wirkt Captain America hingegen ohnmächtig. Insofern verbrennt sich die neue Verfilmung Hollywoods nicht die Finger an modernen Experimenten, sondern kehrt zu den Ursprüngen des Comics zurück.

Captain America gegen HitlerKeine Experimente bei der Verfilmung

Unter der Regie von Joe Johnston (Jumanji, Jurassic Park III) tritt der schmalbrüstige Steve Rogers (Chris Evans) der US-Armee bei, um gegen die Nazis kämpfen zu können. Ein geheimes Militärprojekt verwandelt den Schwächling in den muskulösen Captain America – doch das Böse schläft nicht. Der Nazi-Agent Red Skull (Hugo Weaving) will mithilfe einer magischen Wunderwaffe die Weltherrschaft an sich reißen – kann Captain America ihn aufhalten?

Statt Muskelmasse und Schild gegen Scheckbuch und Laptop einzutauschen, bietet Captain America: The First Avenger solide Hausmannskost aus der ‚guten alten Zeit‘ des Zweiten Weltkrieges: Wir schreiben das Jahr 1942. Ganz Europa ist von Hitler besetzt … Ganz Europa? Nein! Ein Superheld im Kleid der US-Flagge prügelt sich durch Reihen bösartiger Nazis.

Pictures: by-nc Carlos Ayala, Philipp Lenssen

Serious (History) Games

Ich habe mit der Gamedesign-Professorin Linda Breitlauch über Serious Games und Geschichte gesprochen. Nicht erst seit den tragischen Ereignissen in Oslo wird diskutiert, welche ‚Verarbeitungsmechanismen‘ in welchem Medium zulässig sind. So kam es Ende 2010 zum Eklat als der Student Jens M. Stober ein PC-Spiel präsentierte, das sich mit den Schicksalen von ‚Republikflüchtigen‘ aber eben auch DDR-Mauerschützen an der ehemaligen Innerdeutschen Grenze beschäftigte.

Ein Q History-Beitrag zur Serious Games.
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