Krieg und Folter im Mittelalter

Ein Q History-Interview mit Gerd Althoff zu Krieg im Mittelalter.

Krieg und Schlachten im MittelalterEin Leben in ständiger Angst vor brutalen Überfällen, grausamen Inquisitoren und der richterlichen Willkür des Adels. Trifft dieses Bild vom Mittelalter zu oder müssen wir es in das Reich der Geschichtsmythen und Legenden verbannen? Was ist dran, am schlechten Ruf des Mittelalters? Wir haben Prof. Dr. Gerd Althoff von der Universität Münster getroffen und mit ihm über Krieg und Folter gesprochen.

Q History: Herr Althoff, man stellt sich das Mittelalter heute meist sehr dunkel und brutal vor. Gerade die Kriegsführung in dieser Zeit gilt als äußerst grausam. Wer hat denn im Mittelalter überhaupt Krieg geführt?

Gerd Althoff: Man muss, glaube ich, zum Verständnis des Mittelalter sagen, dass es eben kein Gewaltmonopol gibt, sondern dass eigentlich jeder die Möglichkeit hat, mit Gewalt sein Recht zu suchen. Die Fähigkeiten dazu haben natürlich nur die Leute, die wirklich Waffen besitzen. Dadurch ist in weiten Jahrhunderten des Mittelalters ein gewisses Gewaltmonopol bei den höheren Schichten gewesen, also konkret beim Adel, bei den Kriegern, ihren Vasallen, die ja hochspezialisierte Krieger waren, mit Rüstung und Pferd und so weiter. Die haben sich eigentlich in allen Bereichen das Recht herausgenommen – und hatten das Bewusstsein -, dass sie Gewalt anwenden dürften, notfalls auch gegen den König.

Q History: Aha, der Adel durfte seinen Willen also mit Gewalt durchsetzen. Wodurch kam es meistens zu solchen Konflikten?

Gerd Althoff: Man sagt, dass allgemein achtzig Prozent der Konflikte – wir reden ja im Mittelalter weniger von Krieg, weil Krieg Staaten voraussetzt – Ehrkonflikte waren, dass es also im Grunde genommen um Rang und Ehre ging. Natürlich stehen da auch manchmal materielle Dinge dahinter, aber die Konflikte sind ganz häufig Ehrkonflikte.

Q History: Jetzt haben wir ja etwas über die Konfliktführenden gehört. Wenn es heute zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Personen kommt, sind es Gerichte und Polizei, die für Frieden sorgen. Gab es denn auch im Mittelalter Personen oder Gruppen, die dafür zuständig waren?

Gerd Althoff: Es gibt keine Gruppen, die sich sozusagen ausschließlich der Eindämmung von Gewalt verpflichtet fühlen, sondern es gibt eben Spielregeln. Wenn Konflikte auftreten, sind Leute im Umfeld der Konfliktführenden – Verwandte, Freunde, aber auch Bischöfe und der König – verpflichtet, nach gütlichen Lösungen zum Ausgleich des Konfliktes zu suchen. Die sogenannten Vermittler spielen da eine große Rolle. Später hat sich das dann auch zum Schiedsrichter ausdifferenziert, der auch Urteile spricht, aber die Vermittler sind zunächst einmal Leute, die keine Gewalt haben, Urteile zu sprechen – die dann mit Zwangsgewalt durchgesetzt werden -, sondern sie bringen die Parteien zur Einsicht. Sie haben aber eine große gesellschaftliche Akzeptanz, und die meisten Konflikte im Mittelalter werden relativ schnell durch solche gütlichen Lösungen beigelegt.

Q History: Wie sah denn so eine gütliche Lösung im Normalfall aus?

Gerd Althoff:
Also die Vermittlungslösungen sind insgesamt eigentlich dem Gedanken der Genugtuungsleistung verpflichtet. Man muss für den Schaden, den man gemacht hat – materiellen oder immateriellen Schaden – Genugtuung geben. Und dafür gibt es Regeln. Im Wesentlichen ist das in den Führungsschichten, dass man dem anderen die Ehre, die man verletzt hat – dadurch, dass man ihn angegriffen, geschädigt, seine Leute massakriert, oder ihn auch selbst belagert hat – dadurch wieder herstellt, dass man ihm eine bestimmte Genugtuung gibt. Und das kann dadurch passieren – und passiert auch häufig -, dass man sich ihm unterwirft, und ihn um Verzeihung bittet. Dafür gibt es ein Ritual, das nennt sich Unterwerfungsritual, und sieht vor, dass man ihm zu Füßen fällt – beim König sieht das sogar vor, dass man das barfuß tut, im Büßergewand. Das ist ein festliegendes Muster, was in allen Jahrhunderten des Mittelalters, und auch noch in der Frühen Neuzeit, relativ häufig bezeugt ist.

Q History: Das klingt ja fast so, als könnte man das Bild vom finsteren, brutalen Mittelalter durch ein sehr friedliches ersetzen. Oder ginge das zu weit?

Gerd Althoff: Was man zunächst einmal sagen muss, ist ja, dass die Regeln, die man da beschreibt, auf einen engen Kreis der Gesellschaft beschränkt sind. In anderen Bereichen wird Gewalt ziemlich hemmungslos angewandt. Auch in diesen sogenannten Fehden sind die eigentlich Leidtragenden Unbeteiligte, nämlich die Leibeigenen der fehdeführenden Parteien. Die werden nämlich wirklich brutal umgebracht. Deren Bauernhöfe werden angesteckt, deren Felder werden verwüstet, und so weiter. Insofern ist dagegen bei niederrangigen Schichten die Gewaltbereitschaft sehr, sehr groß, während man unter Gleichen mit der Gewaltanwendung sehr vorsichtig ist. Genauso ist es sehr brutal, wenn etwa Christen gegen Heiden kämpfen, und zwar auf beiden Seiten brutal. Da gelten auch Verträge und Abmachungen nicht das Gleiche, wie sie in der christlichen Kriegergesellschaft gelten. Dann betrügt man die Leute, bringt sie um, arbeitet mit Heimtücke, und vor allen Dingen mit einer ziemlichen Brutalität. Also man sollte sich klarmachen, dass in unterschiedlichen Schichten ein ganz unterschiedliches Verhältnis zur Gewalt herrscht. Und die Konflikte im Mittelalter sind immer dann besonders brutal – das kann man vor allen Dingen im Spätmittelalter beobachten – wenn unterschiedliche Gruppen miteinander in Konflikte kommen. Typisches Beispiel ist etwa die Eidgenossenschaft, die ja ständisch sozusagen bis zu Bauern und niederen Schichten herunterreichte, die dann am Krieg beteiligt waren. Da werden ganz brutal Gefangene ermordet und so weiter, zum Teil auch wirklich bewusst Terror ausgeübt, während es eben in den ‚normalen‘ Fehden der Adelsgesellschaft eigentlich sehr zivilisiert und gesittet zugeht.

Q History: Nun erstreckt sich das Mittelalter ja über etwa 1.000 Jahre. Bleibt die Art der Gewaltanwendung denn über diesen Zeitraum hinweg gleich oder gibt es da größere Veränderungen?

Gerd Althoff: Es gibt in gewisser Weise dadurch eine Verrohung der Sitten, dass mehr Schichten der Bevölkerung an den Kriegen beteiligt sind, dass es neue Arten von Berufskriegern gibt – die sogenannten Söldner -, die dann zum Teil nach anderen Regeln kämpfen, oder dass bestimmte Herrschaftsbereiche oder Königreiche dann nichtadelige Krieger einsetzen, etwa Bogenschützen. Oder dass die sogenannten ritterlichen Kampfweisen mit der Zeit so aufgelockert wurden, dass man etwa das Pferd angriff – einen Ritter konnte man ja am leichtesten dadurch besiegen, dass man sein Pferd tötete, oder dem ein Bein abschlug oder so etwas. Alles das hat man in vielen Jahrhunderten nach einem Ehrencodex unterlassen, während das zum Spätmittelalter hin brutaler wird. Aber insgesamt kann man natürlich nicht sagen, dass das Frühmittelalter jetzt sozusagen ein friedliebendes Zeitalter und erst das Spätmittelalter gewalttätig ist.

Q History: Sie sprachen vorhin davon, dass man auch gegen seinen eigenen Willen in bewaffnete Konflikte hineingezogen werden konnte, etwa wenn man jemandem Hilfe versprochen hatte. Musste man immer gleich zur Waffe greifen?

Gerd Althoff:
Also da gibt es natürlich immer eine Verpflichtung aller Leute, die eine Bindung aneinander haben. Es gibt drei wichtige Bindungen: Entweder verwandtschaftlich, oder genossenschaftlich – also als Freunde oder Schwurgenossen – oder eben herrschaftlich, und das sind in aller Regel die Vasallen. Die sind verpflichtet, den Leuten, mit denen sie verbunden sind, Hilfe zu leisten, aber nicht um jeden Preis und in jedem Fall. Man muss in Rechnung stellen, dass alle diese Gruppen, bevor sie bewaffnet tätig werden, beraten. Und dann muss derjenige, der die bewaffnete Hilfe fordert, die anderen überzeugen, dass sein Fall gerechtfertigt ist – dass er wirklich beleidigt worden ist, dass ihm Unrecht getan worden ist, und so weiter. Und es gibt Fälle – allerdings nicht sehr häufig -, wo die dann sagen: Langsam, wir sind mehr dafür, eine gütliche Lösung zu versuchen, als dir jetzt blind zu folgen. Und es gibt auch eine Reihe von Verträgen – ab dem zwölften Jahrhundert kann man ja zunehmend mehr in der Schriftlichkeit sehen, wie sie sich auf solche Sachen vorbereiten -, die immer sehr defensiv ausgerichtet sind. Da gibt es Verträge, in denen gesagt wird: Ich öffne dir alle meine Burgen – also defensiv -, aber helfen, offensiv, tue ich dir nur mit zehn Leuten. Da wird klar, dass man genau weiß, dass man sich mit der Übernahme solcher Verpflichtungen sehr vorsichtig verhalten muss. Es gibt auch Verträge, wo man sagt: Ich helfe dir mit allen Kräften linksrheinisch, aber die Problemzone ist dann rechtsrheinisch, und da wird gar keine Hilfe versprochen, und ähnliches. Also da gibt es ein elaboriertes Verhalten – was man dann auch in der Schriftlichkeit findet -, eben nicht an der Eskalation von Gewalt mitzuwirken, ohne vorher genau zu wissen, worum es da geht. Insofern ist es auch so, das muss man ja sagen, dass große Schlachten im Mittelalter, trotz der vielen Konflikte, eher selten sind. Man verhandelt lange vorher, man droht, zieht vor eine Burg und belagert, aber dass sich die Leute wild in die Schlachten gestürzt hätten… wenn das jemand sagt, ist das eine Mär, die überhaupt nicht zu belegen ist.

Q History: Neben der Zerstörung von Ressourcen geht es bei bewaffneten Auseinandersetzungen, wie auch heute noch, um die Gefangennahme von wichtigen Personen. Welche Rolle spielten denn Entführungen und die Forderung nach Lösegeld im Mittelalter?

Gerd Althoff: In diesen sogenannten Ritterfehden, also in den Konflikten der Führungsschichten, ist das Lösegeld das eigentliche Ziel. Man kann sich in diesen Fehden ruinieren, indem man eben viel Lösegeld zahlen muss, oder viel verdienen. Es ist auch immer ein Streitpunkt, wer das Lösegeld bekommt – derjenige, der diesen Menschen gefangen genommen hat, oder der Herr. Da gibt es spektakuläre Fälle, wo sich dann auch Herr und Leute entzweit haben, weil sie sich über das Lösegeld nicht einigen konnten. Insofern ist Lösegeld eine ganz wichtige Sache, denn in diesen Adelsfehden werden ja ganz wenige Leute getötet, und die meisten lassen sich gefangen nehmen.

Q History: Kann man also behaupten, dass Gewalt im Mittelalter nicht so willkürlich ausgeübt wird, wie man sich das heute vorstellt? Ist das verbreitete Mittelalterbild also falsch?

Gerd Althoff:
Also das ist sicher richtig. Man kann ganz klar sagen, dass diese Gesellschaften, für die Waffengewalt zum Alltag gehört, ein Bewusstsein haben, dass man hier mit Augenmaß herangehen muss. Es gibt natürlich auch das Ideal des Tapferen, der todesmutig niemanden scheut, und auch gegen Riesen kämpft, und ähnliches – wie ja in den ganzen Ritterromanen immer deutlich wird -, aber im konkreten Verhalten sind die eher pragmatisch. Das können Sie allein daran sehen, dass es hunderte von Belagerungen von Burgen gab, aber ganz selten haben Besatzungen wirklich einmal bis zum letzten Blutstropfen gekämpft. Die meisten haben die Burg gegen freien Abzug aufgegeben, das war eine ganz gängige Lösung. Wobei man allerdings auch wieder sagen kann, dass in einzelnen Teilen Europas Könige oder die Herrschaften dann anfangen zu sagen: Wer das macht, der wird geblendet, weil sie genau wissen, dass dieses sich-herausziehen aus der konkreten Gefährdung für eine Verteidigungsposition desaströs sein kann. Wenn alle Besatzungen immer nur aufgeben und sich retten, ist das natürlich für den Herrn nicht gerade von Vorteil.

Q History: Wie ist denn in diesem Kontext die Rolle der Kirche zu bewerten? Hätte sie sich nach den Lehren des Neuen Testaments nicht gegen jegliche Gewalt stellen müssen?

Gerd Althoff:
An bestimmten Punkten kann man natürlich sagen, dass die Kirche manchmal sogar selbst Gewalt gefordert und gefördert hat – und die Inquisition war schließlich eine kirchliche Einrichtung, die hatte ja auch mit Gewalt zu tun. Aber insgesamt muss man sagen, dass die Kirche sich in dieser Hinsicht relativ große Verdienste – oder vielleicht sogar wirklich große Verdienste -, bei der Dämpfung von Gewalt erworben hat. Und diese Vermittler, von denen ich eben gesprochen habe, sind eben zum großen Teil Bischöfe, die es also wirklich als ihre Seelsorgepflicht auffassen, dass sie in den Konflikten, gerade der Adelsgesellschaft, zu der sie ja gehören, permanent eingreifen. Und es gibt eine ganze Reihe von Bischöfen, die sich sogar mit Königen angelegt haben, wenn sie eben Vermittlungslösungen erreichen wollten, die einigermaßen gerecht waren, und die Könige da nicht mitspielen wollten. Die Kirche wird ja immer unter dem Stichwort Gottesfriedensbewegung geführt, als jemand, der Gewalt gedämpft hat, aber es gab über diese Gottesfriedensbewegung hinaus ebenso starke Impulse von Seiten der Kirche, Gewalt zu beenden. Oder zumindest einzudämmen, nicht zu beenden, einzudämmen.

Q History: Wenden wir uns nun von Schlachten, Belagerungen und Fehden ab und der Folter zu. In vielen historischen Filmen und Romanen ist die Folter, gerade die der Inquisition, ein zentrales Merkmal des ‚brutalen Mittelalters‘. Hat man denn wirklich im Mittelalter Angeklagte gefoltert, um ihre Aussagen zu prüfen?

Gerd Althoff: Man muss da auch zeitlich im Mittelalter differenzieren, denn das sogenannte Inquisitionsverfahren ist ja ein Verfahren, was erst im dreizehnten Jahrhundert legalisiert wird. Ab dem Moment ist eben das Foltern reglementiert, und in genauen Stufen und Abschnitten vorgeschrieben. Es wirkt sehr menschenverachtend, dass man erst einmal den zukünftig Gefolterten die Folterinstrumente zeigt und erklärt, und ihnen dann Zeit lässt, zu überlegen und zu gestehen. Man hat im Grunde genommen dem Gedanken gehuldigt – und da ist die Kirche einfach die führende Instanz, die mit ihren Inquisitoren diese Verfahren leitet -, dass man die Wahrheit durch körperliche Peinigung herausbekommt. Und dabei hat man, ich will nicht sagen willentlich in Kauf genommen, aber jedenfalls in Kauf genommen, dass natürlich eine Flut von Angaben gemacht wurden, um eben dieser Folter zu entgehen, oder die Folter zu beenden. Und dadurch existierten dann in bestimmten Bereichen bei Hexen- und Ketzerverfolgungen plötzlich eine Fülle von Hexen und Ketzern, die von den Gefolterten namhaft gemacht worden waren, was natürlich eine Katastrophe bewirkt hat.

Q History: Warum hat die Kirche die Folter denn überhaupt in die Inquisitionsprozesse aufgenommen? Gab es da einen konkreten Anlass?

Gerd Althoff: Es ist, im Grunde genommen, Teil – so pervers das klingen mag – eines Zuges zur Verrechtlichung. Man betreibt in prozessualen Formen die Wahrheitssuche, was man vorher in dieser Form nicht gemacht hatte. Das soll aber nicht heißen, dass es zuvor keine Folterungen gab. Es gibt keine systematische Aufarbeitung, wie häufig das war, und man kommt da aufgrund der Überlieferung wohl auch nicht heran, aber man hat genügend Fälle wo – mehr oder weniger en passant und relativ häufig im frühesten Mittelalter, also etwa in der Merowingerzeit, bei Gregor von Tours -, von einer Fülle von Folterungen die Rede ist, und das offensichtlich zum Alltag gehörte. Da ging es auch gar nicht darum, die Wahrheit zu erfahren, sondern einfach nur darum, Terror auszuüben, oder Leute vor dem Tode noch zu quälen. Da scheint die Kirche zunächst in der Karolingerzeit und in späteren Jahrhunderten eher dämpfend gewirkt zu haben, zu mindestens im Bereich des Königtums und des Adels, wo man in dieser Zeit die Hauptzeugnisse hat. Ich glaube nicht, dass Könige des neunten, zehnten oder elften Jahrhunderts im größeren Stil gefoltert haben. Dazu ist einfach die Überlieferungssituation zu deutlich, dass sie eben unter christlichen Kardinaltugenden ihre Herrschaft ausüben sollten. Und es wird Verstöße dagegen gegeben haben, aber nicht ein totales Missachten solcher Sachen. Und dann kommt aber die Verrechtlichung der Folter im dreizehnten Jahrhundert, und der Papst, der da mit verantwortlich ist, ist Innozenz der Dritte, ein Gelehrter Papst, ein Jurist hohen Grades, und in dessen Zeit wird dann der Inquisitionsprozess gerechtfertigt und praktiziert. Und es sind Mönche, gerade die Dominikaner, die sich dann, als Inquisitoren besonders, ja, auszeichnen kann man nicht sagen, aber jedenfalls zur Verfügung stellen.

Q History: Aber wie sah denn der Inquisitionsprozess vor der Einführung der Folter aus?

Gerd Althoff: Wir haben ja zwei Formen von Inquisitionsprozess. Es gibt einen Inquisitionsprozess im Frühmittelalter, der so aussieht, dass die Leute vor Gericht gezwungen werden, die Wahrheit zu sagen, indem man sie zu einem Eid nötigt: Ich werde ab jetzt die Wahrheit sagen, so wahr mir Gott helfe, und soll verflucht sein, wenn das nicht der Fall ist. Das ist auch eine Form von Inquisition, die aber mit göttlichen Strafen droht. Und das wird dann aber total verändert, wenn man später die Inquisition mit der Folter verbindet.

Q History: Wurde jeder gleich gefoltert? Hat man bei hohen Würdenträgern nur die Daumenschrauben angelegt, während der einfache Bauer auf die Streckbank musste?

Gerd Althoff:
Man kann natürlich insgesamt sagen, dass Adelige leichter die Möglichkeiten hatten, sich mit Hilfe ihrer Netzwerke solchen Inquisitionsprozessen zu entziehen. Da gibt es einige Beispiele, dass das bei Adeligen nicht so leicht möglich war. Aber grundsätzlich, dass es da spezielle Foltermethoden für unterschiedliche Bevölkerungsschichten gab, ist nicht der Fall.

Q History: Sie haben bisher nur von Folter innerhalb der Inquisition gesprochen. Ab wann wurde sie denn auch außerhalb der Kirche angewandt?

Gerd Althoff: Ja, im Spätmittelalter, in der Stadt, haben auch die städtischen Obrigkeiten gefoltert. Man muss ja sowieso davon ausgehen, dass – so wie die Acht und der Kirchenbann sich gegenseitig bedingen sollten, und dann das eine auf das andere folgte -, auch die Prozesse mal von kirchlicher Seite gestartet wurden, und dann an den weltlichen Arm übergeben wurden, oder andersherum. Da hat man Hand in Hand gearbeitet.

Q History:
Wie sieht es denn mit der Verfolgung von Hexen im Mittelalter aus? Die werden doch oft mit den Inquisitionsprozessen in Verbindung gebracht?

Gerd Althoff: Also das schieben wir ja gerne an die frühe Neuzeit weiter, weil zumindest die Intensität der Hexenverfolgungen erst ein Phänomen der frühen Neuzeit ist. Im Mittelalter gibt es das in einzelnen Fällen auch, aber dass das so richtige Massenpsychosephänomene werden, das ist erst eine spätere Entwicklung. Wie man ja überhaupt… ich meine, ich will überhaupt nichts Apologetisches sagen, aber man muss bei diesen Inquisitionsprozessen der Kirche natürlich auch die Größenordnung bedenken, die ist nicht so immens hoch, dass die permanent Europa mit Folterprozessen überzogen hätten. Die spanische Inquisition soll ganz besonders brutal und grausam gewesen sein, aber auch da sind die Zahlen der Betroffenen relativ gering im Vergleich zu späteren Zeiten. Aber, wie gesagt, das soll keine Apologie sein.

Q History:
Wenn wir uns jetzt einmal die Stadtrechte des Spätmittelalters ansehen, ist dort sehr häufig von Folter, Körperstrafen und öffentlichen Hinrichtungen die Rede. Wurde das überhaupt alles umgesetzt?

Gerd Althoff: Man muss auch da wieder aufpassen. Je nachdem, ob Sie sich die Sache von der normativen Ebene her anschauen – also ob sie Statuten, Gesetze und irgendwelche Gerichtsordnungen sehen -, oder ob Sie sich die Rechtswirklichkeit anschauen. Also dass in der spätmittelalterlichen Stadt permanent gefoltert, gehängt und so weiter worden wäre, ist auch ein Mythos. Die Gerichtspraxis des Spätmittelalters, oder der spätmittelalterlichen Stadt, ist extrem ungerecht, denn wenn Sie einmal sehen, wie viele Bürger von diesem Wüten der Obrigkeit betroffen sind, dann werden Sie feststellen, dass das fast nur Mitglieder von Randgruppen, Zugereiste und so weiter sind, an denen Exempel statuiert werden. Wie brutal das alles war, in welchen Größenordnungen, ist meist ja gar nicht erreichbar. Wenn man dann exemplarisch einmal gute Fälle hat – wo man also Gerichtsprotokolle hat und so -, dann stellt man plötzlich fest, dass weite Bereiche der Bürgerschaft von solchen Sachen nie betroffen worden sind. Es kann ja nicht sein, dass die alle völlig ohne Fehl waren, sondern man hat da wohl differenziert, ähnlich wie bei der Gewaltanwendung auch. Je nach Ansehen der Person galten völlig unterschiedliche Gesetze, oder zumindest Verfahren, Gesetze zu handhaben.

Q History: Hatten die Menschen des Mittelalters denn überhaupt Rechtssicherheit? Mussten sie nicht ständig damit rechnen, dass sie plötzlich durch üble Nachrede in irgendeinen Prozess verwickelt werden? Oder konnte man sich gegen so etwas absichern?

Gerd Althoff: Also so etwas mag in einzelnen Dörfern oder Städten mal passiert sein. Aber dass etwa die Patrizier einer Stadt, oder auch die Gilden und Zünfte, nicht so ohne weiteres ihre Leute aufgaben, ist ja auch klar. Der Mensch, der ja immer verschiedene Bindungen hatte – ja höher sein Rang war, desto intensiver waren diese Bindungen – war auch geschützt durch diese Bindungen, da konnte sich nicht jede Obrigkeit einfach so Einzelpersonen herauspicken. Es ist ja klar, dass in so einem Konfliktfall, wenn ein Einzelner mit einer Obrigkeit in Konflikt kommt – egal, ob das eine feudale Obrigkeit oder eine städtische ist -, seine Verwandten und Freunde zunächst einmal auf seiner Seite sind. Und die sagen nicht von vornherein: Oh, das ist der Staat, da müssen wir uns heraushalten. Das muss man in Rechnung stellen, und insofern kann die Obrigkeit an irgendwelche Mitglieder der Patrizier eigentlich nicht heran, nicht einmal, wenn die wirklich etwas getan haben. Bei der Inquisition gibt es ein schönes Beispiel, nämlich Konrad von Marburg – das ist so ein Ketzerverfolger im dreizehnten Jahrhundert, der auch der Beichtvater der heiligen Elisabeth war. Der hat sich mal an einen Grafen gewagt. Und der Graf hat dann natürlich, klar, sofort erreicht, dass sein Fall nicht vor irgendeinem Inquisitionsgericht verhandelt wurde, sondern eben vor dem Königsgericht. Und dann war die Sache sofort klar, dann haben irgendwelche Leute für ihn bezeugt, dass er nie ein Ketzer war, und dann ist der Konrad mit seinem Vorwurf furchtbar auf den Bauch gefallen. Später haben ihn Vasallen dieses Grafen erschlagen. Das nur als Beispiel, was dann passiert, dann man nicht einfach so seine Bindungen aufgibt. Und, ich weiß es jetzt nicht genau, aber ich glaube nicht, dass diese Vasallen nie bestraft worden sind.

Q History: Herr Althoff, bevor wir zum Ende kommen: Können Sie abschließend noch einmal das verbreitete Bild vom dunklen Mittelalter kommentieren?

Gerd Althoff: Man kann im Allgemeinen sagen: Finsteres oder helles Mittelalter ist ja Schwarz-Weiß-Malerei – und Schwarz-Weiß-Malerei ist eigentlich immer falsch. Ein ganzes Zeitalter hat immer sehr viele verschiedene Facetten, und der einzig adäquate Zugriff ist, es möglichst differenziert darzustellen. Und nicht zu sagen, das ist finster, und das andere ist dann hell, und aufgeklärt oder so, das ist alles zu undifferenziert. Und man kann da nicht eine andere globale Wertung einbringen – das war besonders fromm, oder so -, denn das ist dann genauso undifferenziert. Insofern sollte man das einfach lassen. Aber andererseits will man natürlich ein Etikett für irgendeine Zeit, ‚goldenes Zeitalter‘ oder so etwas. Auch in einem goldenen Jahrhundert war nicht alles golden. Das sind dann immer so Vergröberungen. Und da hat sich offensichtlich einmal, in einer bestimmten Zeit, ‚finster‘ für das Mittelalter angeboten. Aber ich würde deswegen nicht sagen, wir sollten heute ‚hell‘ sagen.

Q History: Wir danken für das Gespräch.

Die Fragen stellen Henrik Kipshagen und Philipp Spreckels.

Foto: copyright by Philipp Spreckels
Bildquellen: Codex Manesse, fol. 184v, Herr Hartmann von Aue; Battle of Auray, miniature by Jean Froissart, 15th century; Luzerner Chronik des Diebold Schilling d. J.

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