Wie finster war das Mittelalter?

Ein Q History-Beitrag zum „dunklen“ Mittelalter.Wie finster war das Mittelalter?

Strahlende Ritter – Burgen – Schlachten – nach einem allgemeinen Überblick über Geschichtsmythen wenden sich Henrik Kipshagen und Philipp Spreckels nun konkret unserem Bild des Mittelalters zu.

Das heutige Bild des Mittelalters ist finster.

Umfrage: „Ritter, Kerker; Schwerter, Kämpfe; Kreuzzüge; drakonische Strafen, Folter; Inquisition; also ich glaube man verklärt das gern; Krankheiten, Pest, Kriege – sehr viel Kriege“

Für viele ist das Mittelalter ein gefährliches und brutales Zeitalter. Niemand war vor den Launen der Obrigkeit sicher, es galt das Recht des Stärkeren. Doch war der Alltag der Menschen tatsächlich geprägt durch Kriege, Folter und Willkür? Was ist dran am schlechten Ruf des Mittelalters? Ein wichtiges Merkmal des Mittelalters ist das Fehlen von Staaten und staatlichen Institutionen. Es gab weder Polizei noch Armee. Historiker sprechen deshalb auch nicht von Kriegen, sondern von Fehden. Damit meint man Konflikte zwischen einzelnen Personen. Gerd Althoff erforscht an der Universität Münster die Regeln mittelalterlicher Konfliktführung.

Gerd Althoff: „Man muss zum Verständnis des Mittelalters sagen, dass es eben kein Gewaltmonopol gibt, sondern dass eigentlich jeder die Möglichkeit hat, mit Gewalt sein Recht zu suchen. Die Fähigkeiten dazu haben natürlich nur die Leute, die Waffen besitzen und dadurch ist in weiten Jahrhunderten des Mittelalters ein Gewaltmonopol beim Adel, bei den Kriegern ihren Vasallen.“

Meist entstanden Fehden dadurch, dass eine Person sich in ihrer Ehre verletzt fühlte. Dann hatte sie das Recht, mit Gewalt Genugtuung zu fordern. Doch hat man auch immer schon versucht, die Anwendung von Waffengewalt einzudämmen.

Gerd Althoff: „Es gibt eben Spielregeln, dass wenn Konflikte auftreten, Leute im Umfeld der Konfliktführenden – Verwandte, Freunde, Bischöfe und der König – verpflichtet sind, nach gütlichen Lösungen zu suchen. Vermittler spielen da eine große Rolle, zum großen Teil Bischöfe.“

Die eigentlich Kämpfenden waren die Vasallen der Konfliktparteien. Sie mussten aber erst zum Waffengang überredet werden. Professor Althoff betont darüber hinaus:

Gerd Althoff: „Also da gibt es ein elaboriertes Verhalten, eben nicht an der Eskalation von Gewalt mitzuwirken, ohne vorher genau zu wissen, worum es da ging. Insofern ist es auch so, dass also große Schlachten im Mittelalter, trotz der vielen Konflikte, eher selten sind.“

In einer Fehde griff man den Gegner nie direkt an, sondern vernichtete seine wirtschaftlichen Grundlagen. Meistens bedeutete das die Zerstörung der Ernte und die Verwüstung der Bauernhöfe.

Gerd Althoff: „Auch in diesen sogenannten Fehden sind die eigentlich Leittragenden Unbeteiligte, nämlich die Leibeigenen der Fehdeführenden Parteien. Die werden nämlich wirklich brutal umgebracht. Insofern ist da gegen niederrangige Schichten die Gewaltbereitschaft sehr, sehr groß, während man unter Gleichen sehr vorsichtig ist mit der Gewaltanwendung.“

Gegen Ende des Mittelalters kamen eine Reihe von militärischen Neuerungen auf, beispielsweise Kanonen. Gleichzeitig änderten sich aber auch Regeln und Methoden der Konfliktführung. Diese Entwicklung fasst Herr Althoff zusammen:

Gerd Althoff: „Ja es gibt in gewisser Weise dadurch eine Verrohung der Sitten, dass mehr Schichten der Bevölkerung an den Kriegen beteiligt sind, dass es neue Arten von Berufskriegern gibt, die sogenannten Söldner, die dann zum Teil nach anderen Regeln kämpfen.“

Das Bild von der ungehemmten und willkürlichen Gewaltanwendung im Mittelalter ist jedoch falsch. Die mittelalterliche Gesellschaft hatte ein klares Bewusstsein dafür, dass Gewalt nicht immer das beste Mittel zur Lösung von Konflikten ist. Tut man dem Mittelalter unrecht, wenn man zu seinen Merkmalen neben Rittern und Burgen auch die Folter zählt? Historiker leugnen nicht, dass im Mittelalter gefoltert wurde. Das bestätigt Gerd Althoff:

Gerd Althoff: „Man hat genügend Fälle wo mehr oder weniger en passant Folter erwähnt wird, relativ häufig im frühsten Mittelalter.“

Es lässt sich auf diesem Gebiet aber eine Entwicklung ausmachen. – Zum Beispiel wandte die Kirche im Frühmittelalter keine körperliche Folter an und drohte lediglich mit göttlichen Strafen. Erst viel später hält die körperliche Folter Einzug in die Inquisition: Denn die Kirche sah sich im 13. Jahrhundert zunehmend durch neuartige Sektenbewegungen bedroht.

Gerd Althoff: „Der Papst der da mitverantwortlich ist, ist ja Innozenz der III. ein gelehrter Papst, ein Jurist hohen Grades. – Man hat dem Gedanken gehuldigt, dass man die Wahrheit durch körperliche Peinigung herausbekommt.“

Ohne die Opfer zu verschweigen, sollte die Bedeutung der Folter nicht überbetont werden. – Althoff weist darauf hin:

Gerd Althoff: „Man muss bei diesen Inquisitionsprozessen der Kirche natürlich auch die Größenordnung bedenken. Die ist nicht so immens hoch. Da sind die Zahlen der Betroffenen relativ gering.“

Weltliche Gerichte besonders in den aufstrebenden Städten begannen etwas später mit der Verrechtlichung der Folter. Doch auch hier sollte nicht verallgemeinert werden:

Gerd Althoff: „Dass in der spätmittelalterlichen Stadt permanent gefoltert, gehängt und so weiter worden wäre, ist auch ein Mythos.“

Meist waren es Randgruppen und Zugereiste ohne Verbindungen, an denen die Obrigkeit Exempel statuierte. Weite Teile der Gesellschaft waren von Folter jedoch nie betroffen. War das Mittelalter also doch nicht so finster, wie viele annehmen? Von einem gewaltfreien Mittelalter kann sicher nicht die Rede sein. Es war eine Zeit, in der Menschen durch Fehde und Folter zu Schaden kamen. Doch konnte diese Gewalt nicht willkürlich ausgeübt werden, sondern musste in geregelten Bahnen verlaufen. Abschließend kommentiert Professor Althoff das verbreitete Bild des Mittelalters.

Gerd Althoff: „Finster oder helles Mittelalter ist Schwarzweißmalerei und Schwarzweißmalerei ist eigentlich immer falsch. Ein ganzes Zeitalter hat immer sehr viele verschiedene Facetten – aber man will natürlich ein Etikett für irgendeine Zeit, goldenes Zeitalter oder irgendwie so, aber auch in einem goldenen Jahrhundert war nicht alles golden!“

Foto: copyright by Flickr-user ~jjjohn~

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