Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich – Tagungsbericht bei H-Soz-u-Kult

Neben eher subjektiven Skizzen und Anekdoten (siehe Tag 1, 2 & 3) habe ich für die Historikertag-Sektion “Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Tendenzen, Strategien, Beispiele” auch einen richtigen Tagungsbericht verfasst.

Mit freundlicher Genehmigung von H-Soz-u-Kult (hier entlang zum
Original) kann der Sektionsbericht auch direkt im Blog gelesen werden.

HT 2012: Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Tendenzen, Strategien, Beispiele

Während der Begriff eHumanities links des Rheins kaum noch die Gemüter erhitzt, zucken Historiker auf der anderen Seite des Stroms allein bei seiner Erwähnung verschreckt zusammen. Hier rümpft man über Blogs die Nase und betrachtet E-Books automatisch als flüchtig, lieblos, gar billig. Doch wie lange noch kann es sich ein substantieller Teil der deutschen Geschichtswissenschaft leisten, Werkzeuge und Methoden zu belächeln, die beim wissenschaftlichen Nachwuchs in Frankreich längst zum Standardrepertoire der Geschichtswerkstatt gehören? Verliert Deutschland den Anschluss? Diese und andere Fragen waren Thema der Sektion “Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Tendenzen, Strategien, Beispiele.”

Teil 1: Digitale Ressourcen des Historikers am Beispiel der französischen Geschichte

Den ersten Themenblock eröffnete MARIN DACOS (Marseille), Direktor am centre pour l’édition électronique ouverte, mit einer Biographie des französischen Webportals OpenEdition. Webportal greift als Begriff eigentlich zu kurz, hat sich unter dem Dach von OpenEdition innerhalb der letzten 13 Jahre doch eine beeindruckende Infrastruktur gebildet, die Forschende in den Bereichen digitale Zeitschriften (revues.org), wissenschaftliche Blogs (hypotheses.org) und Termine innerhalb der wissenschaftlichen Community (calenda) unterstützt. Das Portal basiert auf drei Säulen: a) freier Zugang b) inhaltliche Redaktion und technischer Support sowie c) Internationalisierung. So konzentriert man sich aktuell auf den Aufbau einer Plattform zum Lesen und Veröffentlichen von E-Books sowie, und dies dürfte Verfechter der Interdisziplinarität freuen, der Ausweitung des momentan noch stark französisch geprägten Netzwerks zu einer europäischen Infrastruktur. Eine Traditionsinstitution fehlt in dieser Zukunftsvision jedoch: der Verlag. Zu Recht?

Als zweites zog GUNDRUN GERSMANN (Paris) eine Bilanz ihrer Amtszeit als Direktorin am Deutschen Historischen Institut (DHI) Paris, welche gerade im Bereich digitales Publizieren eine Neuausrichtung mit sich brachte. Diese war laut Gersmann dringend nötig, denn das DHI hatte ein massives Problem: Als „internationales Institut in einem internationalen Umfeld“, ist das DHI gezwungen, sich in die Forschungsdiskussion beider Ländern einzumischen, was jedoch nur schwer gelingt, wenn sich Bibliotheken in Deutschland und Frankreich weigern, bilinguale Publikationen zu kaufen. Im September 2007 fiel deswegen die Entscheidung, in Zukunft verstärkt digital und offen zu publizieren. Um den verschiedenen Publikationstypen gerecht zu werden, ging man nicht immer gleich vor. Während die Traditionszeitschrift Francia nun ein Jahr nach der Printveröffentlichung kostenlos im Netz steht, erscheint die Tagungsreihe discussions nur online. Zu den ebenfalls neu aufgebauten Podcast-, Blog-, Twitter- und Facebookaktivitäten des DHI später mehr beim Vortrag von Mareike König.
Wirklich faszinierend waren jedoch die Ausführungen zur Retrodigitalisierung: Am Beispiel der Buchreihe Pariser Historische Studien erklärte Gersmann, wie durch die Digitalisierung in der Versenkung verschwundene Monographien wieder der Forschung zugänglich gemacht werden und eine Rezeption der Texte erneut möglich gemacht wird. Für eine Institution wie das DHI bedeutet dies nichts weniger, als das Heben in Vergessenheit geratener Schätze – im eigenen Garten. Da das Netz für Viele jedoch nicht nur Medium sondern auch Botschaft ist, war es wichtig, behutsam vor zu gehen, um weder langjährige Abonnenten noch Autoren mit einer zu radikalen Strategie verschrecken.
Aber auch die Digitalisierung hat ihren Preis. So betonte Gersmann, dass der Vorstoß auf dem Feld des digitalen Publizierens das DHI personell wie finanziell gefordert hätte und auch in Zukunft fordern wird. Denn durch die direkte Publikation im Netz hat das DHI Tätigkeiten und Dienstleistungen an sich gezogen, für die zuvor die Verlage zuständig waren. Gelohnt hätte sich der Aufwand aber trotzdem, denn „allein im stillen Kämmerlein zu forschen, ohne sich um die Visibilität der eigenen Forschungsleistung zu kümmern“ wäre heute einfach nicht mehr zeitgemäß.

Die Diskussion erweiterte HINNERK BRUHNS (Paris) mit seiner Vorstellung der durch ihn initiierten online-Zeitschrift Trivium, in der bewusst nur Übersetzungen von bereits publizierten Artikeln aus dem Französischen oder Deutschen erscheinen. Das Ziel ist so einfach wie einleuchtend: Das Zugänglich machen von Forschungstendenzen und -ergebnissen über die Deutsch-Französische (Sprach)grenze hinweg. Warum dann aber nicht gleich eine Übersetzung ins Englische, lautete eine Frage aus dem Publikum? Weil die Zeitschrift genau dem entgegen arbeiten soll, so Bruns. Denn neben dem Transport von Forschungstendenzen stehe Trivium auch für den Erhalt der beiden großen Wissenschaftssprachen Deutsch und Französisch. Visibilität und Zugang ja, aber nicht im Tausch gegen sprachliche Assimilität oder Marginalisierung.

Den Schlussvortrag des ersten Sektionsteils hielten GREGOR HORSTKEMPER und ANDREA PIA KÖLBL (München), die aufzeigten mit welchen Mitteln die Münchener Nationalbibliothek als Sondersammelgebietsbibliothek der Deutschen Forschungsgemeinschaft im digitalen Zeitalter die französische Geschichte mit Informationen versorgt. Auch hier spielte Retrodigitalisierung eine Rolle, wenn Horstkemper darüber sprach, wie in Kooperation mit Google mittelalterliche Handschriften zugänglich und durchsuchbar gemacht werden. Kölbl konzentrierte sich in ihren Ausführungen auf den Aufbau der virtuellen Fachbibliothek Romanischer Kulturkreis, kurz Vifarom.

Teil 2: Einsatz von Sozialen Medien und Web 2.0-Techniken

MAREIKE KÖNIG vom DHI (Paris) verglich im zweiten Themenblock die digitale Fachkommunikation in Deutschland und Frankreich. Wie bereits eingangs erwähnt, setzt sich die Nutzung von Sozialen Netzwerken und Blogs in den deutschen Geisteswissenschaften wesentlich langsamer durch, als im Nachbarland Frankreich. Und das, obwohl sich diese Werkzeuge laut König hervorragend dazu eignen, die eigene Forschungsleistung auch jenseits der klassischen Publikationen zu dokumentieren (Blogs) und mit Kollegen in Kontakt zu treten (Facebook und Twitter). Wenn diese Werkzeuge aber in der deutschen Forschungscommunity eine weitere Verbreitung erhalten sollen, gelte es Barrieren abzubauen und Vorurteile zu widerlegen. Ein gutes Beispiel derartiger Aufklärungsarbeit ist der ebenfalls von König verfasste Twitter-Leitfaden für Historiker. Ob man durch das Publizieren im Netz aber nicht Gefahr laufe Opfer von Ideenklau zu werden, so eine Frage aus dem Publikum? König widersprach dem, da man durch das digitale Publizieren – ähnlich wie auch durch Printartikel oder Konferenzvorträge – geistigem Diebstahl vorbeuge, indem man ein Thema mit seinem Namen besetzt. Und in der Tat beweisen die jüngsten Skandale um die Doktorarbeiten von prominenten Politikern, dass das Aufspüren von Plagiaten immer einfacher wird – sich Plagiate langfristig also immer weniger lohnen. Auf die Kritik der wissenschaftlichen Gemeinschaft am Bloggen, dieses Medium sei zu flüchtig, zu unübersichtlich und von beliebiger Qualität, sei man laut König gerade beim Aufbau der Plattform hypothese.org eingegangen. Es wurde eine dem Blogportal vorstehende Redaktion eingerichtet, die durch Qualitätskontrollen einen hohen inhaltlichen Standard erhalten soll und Blogbeiträge für die Startseite auswählt. Zusätzlich sorgt der ständige technische Support für den langfristigen Erhalt der digitalen Texte, zum Beispiel durch die Vergabe von permanenten ISBN-Nummern. Dass die so gewonnene, redaktionelle und technische Sicherheit natürlich auch das Abtreten eines Teils der redaktionellen und technischen Freiheit mit sich bringt, ist dabei unvermeidbar.

Laut LILIAN LANDES von der Bayrischen Staatsbilbiothek (München) kann man das Online-Rezensionsportal recensio.net als Antwort auf die Kritik an der aktuellen Rezensionslandschaft in den Geisteswissenschaften verstehen:

  1. Langsamkeit: Rezensionen erscheinen mitunter Jahre nach der Originalpublikation.
  2. Unübersichtlichkeit: Der Überblick über die immer größer werdende Rezensionslandschaft geht verloren. Sowie
  3. mangelnde Internationalisierung
  4. kaum Interdisziplinarität und
  5. zu wenig Interaktivität.

In all diesen Punkten will recensio.net durch das Beleben einer schnellen und zuverlässigen Rezensionskultur im Netz Abhilfe schaffen und so den eigentlichen Grundgedanken der Rezension stärken: die Interaktion und Diskussion über Forschungsergebnisse. Auch hier hat man auf die Onlineskepsis mit der Einrichtung einer redaktionellen Qualitätskontrolle reagiert, um unsachliche Beiträge heraus zu filtern. Aktiv werden musste die Redaktion aber noch nie, die Themen seien einfach zu speziell. Zukünftig soll es möglich sein, wie bei bekannten Online-Händlern Rezensionen zu kommentieren und über diese zu diskutieren. Wer weiß, vielleicht entwickelt sich so ja auch die erhoffte, lebhafte, europäische Rezensionskultur.

Weniger Vorstellung als Bilanz war GEORGIOS CHATZOUDIS‘ (Düsseldorf) Vortrag über L.I.S.A. – das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung, zwei Jahre nach dessen Start. Neben ansteigenden Besucherzahlen, sowohl aus der Wissenschaft als auch der interessierten Öffentlichkeit, freue man sich gerade darüber, dass auch eher unübliche Beitragsformen wie die Livechats mit Experten gut angenommen werden. Besser werden müsse man bei der LISA-eigenen Community. Diese müsste noch intuitiver gestaltet werden, wissen doch viele Mitglieder nicht, dass sie hier auch ohne Aufforderung eigene Texte einstellen können. Ein schönes Beispiel dafür, dass Wissenskommunikation sich nicht in jeder Hinsicht den medialen und journalistischen Gepflogenheiten anpassen muss, sind die Videoreihen von LISA. Denn im Gegensatz zu vielen artverwandten Videoformaten, drehen hier nicht Medienprofis Videos über Wissenschaftler sondern Wissenschaftler Videos über ihre eigene Arbeit. Das Ergebnis lässt sich laut Chatzoudis sehen, obwohl oder gerade weil es ohne eine mediale Überformung oder Narratisierung der Wissenschaft auskommt.

Eigentlich wollte JÜRGEN DANYEL (Potsdam), stellvertretender Direktor des „Zentrums für zeithistorische Forschung“ einen Vortrag über das Onlineprojekt Docupedia halten. Sein Vortrag konzentrierte sich dann aber doch auf die bis dato in der Sektion aufgeworfenen Fragen. Danyel verwarf zunächst die kulturpessimistische Kritik an den eHumanities, die Wissenschaft würde durch diese ins Triviale abdriften. Eine Kritik, die um so fadenscheiniger wirke, wenn man das Jekyll & Hyde-Verhalten vieler Skeptiker beobachtet, die privat längst im Social Web angekommen seien, beruflich jedoch weiterhin eine konservative Fassade aufrecht erhalten würden. Aber auch die frühen Hoffnungen der sogenannten „digital Natives“, mit den neuen Medien ließen sich sämtliche wissenschaftliche Strukturen aufbrechen, hätten sich als illusorisch erwiesen. Heute, so Danyel, sei die Diskussion eher von einem produktiven Pragmatismus geprägt. Und auch wenn die Entwicklung im Web noch lange nicht an ihrem Ende angekommen sei, müsse man sich ernsthaft darüber Gedanken machen, ob eine separate Sektion zum Thema eHumanities in Zukunft noch nötig sei.

Fazit

Die Diskussion hat gezeigt, welche Potentiale die neuen digitalen Werkzeuge innerhalb der Geschichtswissenschaft entfalten können. Ist es dann folgerichtig, wenn die erste eHumanities-Sektion auf einem Historikertag auch die letzte bleibt? Haben derartige Panels, wie Danyel fragt, auf deutschen Konferenzen generell ausgedient?

Nicht ganz.[1] Die Geschichtswissenschaft in Deutschland wird zukünftig beides brauchen: Expertengespräche im kleinen, digitalen Kreis aber eben auch verstärkt Diskussionen in den Anwendungsfeldern selbst. Natürlich hat Danyel Recht, wenn er die “Wagenburgmentalität einiger digital natives“ kritisiert. Es ist auf Dauer kontraproduktiv, wenn die Pioniere im Bereich der digitalen Geisteswissenschaften nur unter sich bleiben und sich so immer weiter von den konservativen Kollegen abgrenzen. Denn Recherchieren, Diskutieren, Dokumentieren und Publizieren sind essentielle Tätigkeitsfelder eines jeden Historikers, egal in welcher Epoche oder Disziplin er tätig ist. Man darf also zu Recht fragen, ob die Institutionalisierung des Grabens zwischen Kritikern und Befürwortern durch die Erhebung der digitalen Methoden zu einer eigenen Disziplin namens eHumanities der richtige Weg ist. Diese Überlegung ist nicht unwichtig, denn das Ziel lohnt allemal: durch die neuen digitalen Kanäle werden ganz andere Qualitäten und Quantitäten an Interdisziplinarität und Internationalisierung der Forschung möglich. Das Beispiel Frankreich hat jedenfalls gezeigt, dass niemand auf die deutsche Geschichtswissenschaft warten wird.

Sektionsübersicht:

  • Sektionsleitung: Gudrun Gersmann (Paris)
  • Gudrun Gersmann (Paris): Moderation
  • Marin Dacos (Marseille): OpenEdition: Das zentrale Fachportal der Geisteswissenschaften in Frankreich
  • Gudrun Gersmann (Paris): Von Francia bis Facebook. Ein geisteswissenschaftliches Forschungsinstitut geht online: Das Beispiel des DHI Paris
  • Hinnerk Bruhns (Paris): Trivium
  • Gregor Horstkemper (München) / Andrea Pia Kölbl (München): Von der Handschrift bis zum Fachportal – Die Bayerische Staatsbibliothek als Informationsspezialist für die französische Geschichte
  • Mareike König (Paris): Historische Fachkommunikation über Twitter, Facebook und Blogs
  • Lilian Landes (München): Rezensieren im Web 2.0: recensio.net
  • Georgios Chatzoudis (Düsseldorf): L.I.S.A. – Historische Geisteswissenschaften 2.0
  • Jürgen Danyel (Potsdam): Zeitgeschichte und Social Web. Erfahrungen mit partizipativen Formaten im fachlichen Kontext

Anmerkung:
[1] Diese Einschätzungen sind auch geprägt von den Erfahrungen des Autors, der als Online-Redakteur in der Pressestelle der Westfälischen Wilhelms-Universität arbeitet und einen eigenen Blog betreibt.

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