re:publica: Brillen, Blogs & Liquid Science

Wie im letzten Jahr habe ich mich gut gerüstet auf nach Berlin zur re:publica gemacht. Zeit und Perspektive waren dieses Jahr jedoch eine andere.

Meine re:publica-Brille vom letzten Jahr war durch das Studentendasein und die ehrenamtliche Arbeit beim Geschichtsmagazin Q History gefärbt. Somit standen alle möglichen Webentwicklungen wie Geomapping aber natürlich auch digitaler Journalismus, Gamification etc. im Fokus. Da ich mir das Studententicket selber gegönnt hatte, konnte ich mir alles nach Lust und Laune anschauen.

Die Färbung meiner diesjährigen re:publica-Brille war natürlich durch meine Arbeit in der Online-Redaktion der Uni-Münster geprägt. Dementsprechend waren eher die rechtlichen Vorträge zum Publizieren im Netz von Udo Vetter und Joerg Heidrich, die Twitter-Strategie der ESA / des DLR aber auch nicht auf den ersten Blick Relevantes, wie Judith Ackermanns Vortrag zu Lernprozessen beim Computerspielen von Interesse. Richtig spannend wurde es aber im re:learn-Panel.

Liquid Science statt Elfenbeinturm?

Die Diskussionsrunde “Raus aus dem Elfenbeinturm! Forschung und Lehre zum Mitmachen” beschäftigte sich mit der Frage, wie man den Entstehungsprozess von Forschung und Lehre offen legen kann und auch nicht-Wissenschaftler daran beteiligt. Die Diskussion zwischen Monika König, Matthias Fromm, Olvier Tracke, Volkmar Langer und dem Publikum entwickelte sich relativ flott. Schnell war die Frage aufgeworfen, ob Open Science (wie auch immer das auch aussehen soll) ohne einen Kulturwandel an den Hochschulen überhaupt möglich sein wird? Dass dies in eine komplett andere Richtung gehen würde als die nicht-mehr-ganz-so-neuen Ergebnisse der Bolognareformen, wurde ebenfalls diskutiert. (Ich selber habe zwar im Bachelor-Studium nicht das Gefühl gehabt, dass mir von einem Bologona-Verschulungsraster jegliche Eigenentwicklung genommen wurde. Aber das muss ja nichts heißen. Paradoxerweise sind ja auch nach Bologna die Studiengänge über einzelne Hochschulen hinaus kaum zu vergleichen …)
Wie dem auch sei. Wenn wir einer der letzten Wortmeldungen aus dem Publikum glauben schenken können, wird es “in 50 Jahren eh keine Universitäten mehr geben.” Nach Open Science also Liquid Science? Ich hab da so meine Zweifel.

Wissenschaftliches Bloggen in Deutschland

Ebenfalls in re:learn untergebracht war die Diskussionsrunde “Wissenschaftliches Bloggen in Deutschland” mit Leonhard Dobusch, Mareike König, Thorsten Thiel, Max Steinbeis und Daniela Kallinich. Hier haben die Referenten ihre eigenen Blogprojekte vorgestellt und einige interessante Thesen aufgestellt.

  • These 1: Wissenschaftliches Bloggen fördert die Interdisziplinarität.
  • These 2: Bloggen ist eine gute Schreibübung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und erhöht die Sichtbarkeit der eigenen Forschung.
  • These 3: Bloggen wird eine eigene Nische bleiben und Wissenschaftspublikationen und -zeitschriften nicht ablösen.
  • These 4: Ein wissenschaftlicher Blog muss nicht viele Leser oder Kommentare haben, um erfolgreich zu sein.

Bei den vorgestellten Blogprojekten hatten es mir vor allem die geisteswissenschaftliche Blogcommunity/-plattform hypotheses.org und den Gemeinschaftsblog des Göttinger Instituts für Demokratieforschung angetan.

Hypotheses ist aus Sicht zentraler Online-Redaktionen von Hochschulen interessant, weil es wohl schon Universitäten in Frankreich gibt, die deren Blogs einbinden bzw. die “hochschuleigenen” Blogs auf einer Seite sammeln. Sprich: Statt mit dem eigenen Content Mangement System das Rad neu zu erfinden, wird die WordPress-Basis genutzt.

Der Institusblog wiederum ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr dezentral und relativ ungesteuert Kommunikation zwischen Wissenschaft und der halb-wissenschaftlicher Öffentlichkeit entstehen kann. Manche Pressestellenmitarbeiter würden sich über eine solche Fundgrube jenseits der normalen Aufmerksamkeitskanäle sicherlich freuen.

Foto: cc-by-nd Ashley Coombs

Das monomediale Paradies

Dem Markuslöwen von Venedig ist im Laufe seiner Karriere als Säulentierchen schon so mancher Medienskandal am Schweif vorbei gegangen.

Dem Markuslöwen von Venedig ist im Laufe seiner Karriere als Säulentierchen schon so mancher Medienskandal am Schweif vorbei gegangen.

Zeit jenseits von Tastatur, Netz und Nachrichtenticker; anderthalb Wochen ohne Zeitung, Radio und Facebook und trotzdem hat man das Gefühl nichts verpasst zu haben. Statt der zahlreichen, multimedial ausgeschlachteten, kommentierten und retweeteten, geliketen und geplusten Mimi-Skandälchen, die den eigenen Alltag trotz ihrer immensen Reichweite doch nicht beeinflussen und nur in seltensten Fällen Eingang in die ausgestöpselte, zwischenmenschliche Kommunikation finden, war die geistige Zwangs-Monokulur ein Paradies. Und doch …

… obwohl die gedruckten Wälzer von George R. R. Martin, Walter Moers und Philip Roth mir im verregneten Italien neben dem Unecsowelterbe-Wundlaufen so eine gute Zeit beschert haben – es mir ermöglichten die verkrampften Hirnwindungen wieder einmal zu dehnen und zu lockern und den ganzen Alltagsstress hinaus zu spülen – bin ich mir sicher, dass mir dies ohne Offline-Diktat und Ortswechsel kaum gelungen wäre.

Höchste Zeit also, die nächste RealitätsMedienflucht vorzubereiten!

DSA-Outtakes / Was das Kramen in alten Phileasson-Unterlagen so zu Tage fördert

DSA-Outtakes - Rakorium Muntagonus

War für mich immer ein großes Rakorium-Vorbild: Christopher Lloyd als Emmett "Doc" Brown in Zurück in die Zukunft.

Rakorium obliviosus oder: Wie ich lernte die Bombe zu vergessen

Rakorium buddelt einen Drachenkriegs-Blindgänger in einer Zwergenstadt unwissentlich zum zweiten Mal aus. Die “Bombe” droht alle Zwerge in Marus zu verwandeln.

Um die Stadt zu retten, müssen die Helden in die Vergangenheit reisen und Rakorium an einem „Erinnerung (an die Ausgrabung) verlasse dich!“ verhindern.

Hintergrund: Diese Überlegung entstammt einer sehr frühen Story-Entwicklungsphase des Das Schwarze Auge-Browsergames Saat des Zorns. Motivation / Inspiration für das doch sehr witzkoeske Zeitreise-Szenario waren die Textarbeiten für die Drakensang: Am Fluss der Zeit – Vater der Fluten, in denen ich mich u. A. an Rakorium sowie Eilif und ihren Maru-Drillingen Tick, Trick und Track … ich meine natürlich Z’irrk, Z’rrrk und Z’arrk austoben konnte (siehe Rakorium-Nottel Dialog im alten Blog). Da ich aus Zeitgründen leider sehr schnell aus dem Projekt aussteigen musste und mein Plotvorschlag wohl doch etwas extrem war, hat das fertige Saat des Zorns mit der Plotskizze nicht viel zu tun. Und das ist auch in Ordnung so.

Fast jede Fantasywelt hat ihre eigene, uralte und untergegangene Hochkultur - so auch DSA.

Fast jede Fantasywelt hat ihre eigene, uralte und untergegangene Hochkultur - so auch DSA. Hochelfen-Coolness hin oder her: die intriganten Skrechim, verkopften Jharra, Leviathanim, Achaz und natürlich putzigen Marus waren mir doch meist sehr viel sympathischer.

Hail to the King Baby!

Eine Highfantasy-Kampagne auf den Inseln im Nebel mit Elfenhochkönig Fenvarien, dem “König der Meere” Phileasson Foggwulf und dem Schlangenkönig.

Ein mysteriöser Xrsl’frl’frl-Wanderpriester verhilft dem Schlangenkönig endlich zu Nachwuchs. Pappi ist stolz wie Oskar.

Unbemerkt entwickelt sich Sohnemann zu einem glühenden Verehrer des Xrsl’frl’frl / Namenlosen und Kriegstreiber.

Nach einem elfischen Pearl Harbor entbrennt offener Krieg zwischen Echsen und Elfen. Die Elfen schaffen es auf der Verlorenen Insel einen Brückenkopf zu errichten.

Bei einer Himmelfahrtskommando-Teleportation ins echsische Hinterland läuft etwas schief: Die Helden finden sich in Maru-Körpern und Marus in Helden-Körpern wieder.

Derweil auf Dere…

Auf der längst in Vergessenheit geratenen Hochelfeninsel Gontarin warten noch immer einige vom Clan der Tlaskelem auf die Tootenboote ihrer Brüder und Schwestern.

Die letzten Zerzal-Priester unter den Elfen haben sich in ihrer langsam verfallenden Nekropole auch dem angeschwemmten Leichnam Phileassons angenommen.

Wieder auf den Inseln im Nebel …

In die Ecke gedrängt, plant der Schlangenkönig die Sphärenverschmelzung der Hochelfenglobule mit Zze Tha.

Schlussendlich ist unser Skrechu-Opa aber doch lieber Schlangenkönig auf der Verlorenen Insel als ein Potentat unter vielen in der Drakopole.

Die Sphärenschmelze und ein Krieg, in dem sich Echsen und Elfen gegenseitig in den Abgrund reißen kommen nicht zu Stande. Der Namenlose ist derbe frustriert. Ende.

Hintergrund: Zugegeben kann man über die “Fenvarien führt die Religion auf den Inseln im Nebel wieder ein”-Setzung im Das Schwarze Auge-Band Aus Licht und Traum geteilter Meinung sein. Aber sei es drum. Kanonisch führt der Frieden zwischen Alten und Wilden, zurückkehrende Erinnerungen und Religion dazu, dass sich das Auseinander-driften der Inseln umkehrt. Eine Reaktion des Namenlosen, der die Elfen auf seiner To-Do-List zu verderbender Völker bereits abgehackt hatte, sollte also nicht lange auf sich warten lassen.

Durch offenen Fäden in der Phileasson-Saga und weil ich beim Schreiben / Überarbeiten der Kampagne am meisten Freude am hochelfischen Globulensetting hatte, keimte im mir die Idee zu einer Publikation, welche die Schicksalsfäden der Inseln im Nebel weiter spinnen würde. Die niemals über ein Konzeptpapier hinaus gewachsene Kampagnenidee mit dem Arbeitstitel “Phileassons Vermächtnis” sollte sollte sich in zwei Teile gliedern. Der erste Band hätte diverse Szenarien auf den Inseln im Nebel enthalten (Elfen-Vietnam auf der Verlorenen Insel, Cammalan-Relikte in Gwandual, etc.), in deren Verlauf langsam die Erkenntnis keimen sollte, dass neben Schlangenkönig und Fenvarien noch eine dritte Macht (der Namenlose) ihre Finger im Spiel hat. Im zweiten Band gelingt es den Helden dann schließlich Fenvarien von einer restlosen Vernichtung der Echsen und den Schlangenkönig von einer katastrophalen Verschmelzung der Hochelfen-Globule mit Zze Tha abzuhalten sowie die Drahtzieher der Eskalation aufzudecken. Die Episode auf der hochelfischen Toteninsel Gontarin und Phileassons Schicksal entstand parallel, ist bis heute aber nur sehr lose mit der Kampagnenskizze verbunden.

Warum das Ganze?

Die Plotskizzen zu lieb gewonnenen Charakteren wie Rakorium, dem (aus dem Skrechu-Ruhestand zurückkehrenden) Schlangenkönig und offenen Fäden wie dem Schicksal Gontarins, Phileassons und der Globulenentwicklung schlummern nun schon seit einigen Jahren auf meinem Rechner. Jüngst kam ich dann aber durch Jens Jullrichs offene Schreibwerkstatt ins Grübeln, ob ich damals mit dem Phileasson-Blog nicht doch etwas mehr Transparenz hätte wagen sollen und dafür mehr Chaos und weniger Homogenität hätte in Kauf nehmen können. Vielleicht ist dies ein Versuch diese Transparenz ein Stück weit nachzuholen. Aber ich will diese Storyskizzen nicht zu hoch hängen: Wenn ich nur ein paar von euch beim Lesen zum Schmunzeln gebracht habe, hat dieser Artikel seinen Zweck erfüllt.

Foto: cc-by-sa Scotto Bear, by-nc-nd Daniel Crowley

Geschichte im Radio – Interview beim Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung

Interview zu Geschichte im RadioFür diejenigen, die es verpasst haben: Anfang 2012 hat mich das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung interviewt. Wer sich also dafür interessiert, was ich von Geschichte im Radio, Guido Knopp-bashing, geisteswissenschaftlichen Taxifahrer-Syndromen und langen Texten im Netz halte, kann ja mal rein schauen.

Mit freundlicher Genehmigung des L.I.S.A.-Wissenschaftsportals kann 
das Interview nun auch direkt hier im Blog gelesen werden.

“Geschichte einmal anders erzählen”

Interview mit Philipp Spreckels

Philipp Spreckels studiert in Münster Geschichte – angestrebter Abschluss ist der Master. Neben seinem Studium arbeitet er regelmäßig an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Journalismus. Unter anderem betreibt er einen eigenen Blog und war für etwa zwei Jahre Onlinechef des Geschichtsmagazins ‘Q History’ beim Campussender ‘Radio Q’. Zurzeit ist er Online-Redakteur der Westfälischen Wilhelms-Universität.

Wir haben Philipp Spreckels zu seinem Verständnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit gefragt und wollten unter anderem wissen, wie Geschichte jenseits gängiger Formate in modernen Medien erzählt werden kann.

“In einem Beitrag ist oft mehr hängen geblieben als in einer Vorlesung”

L.I.S.A.: Herr Spreckels, Sie studieren Geschichte und haben lange Zeit zusätzlich für das Campus-Radio der Uni Münster gearbeitet. Was zieht einen Historiker zum Radio?

Spreckels: Die Möglichkeit sich in einem, mir damals, völlig unbekannten Medium auszuprobieren. Und um es besser zu machen. Unter Dozenten wie auch Studenten gehört das Guido Knopp-bashing heute ja immer noch zum guten Ton. Sich aber selber einmal hinter die Kamera oder das Mikrofon zu begeben und es (hoffentlich) besser zu machen, das wollte ich testen.

L.I.S.A.: Und was führte Sie speziell zum Radio?

Spreckels: Nun, das war eher ein Zufall. Ich hatte gerade ein langwieriges Hobbyprojekt abgeschlossen und suchte nach einem neuen Zeitvertreib. Da kam ein Aushang des Campusradios gerade Recht – zumal ich von dem Geschichtsmagazin vorher noch nie gehört hatte. Ich dachte mir: warum nicht?

Was mich als Historiker beim Radio gehalten hat und was mich immer noch daran fasziniert, ist die Vielfalt der Zutaten und die besondere Textsituation. Für den Zuschauer gibt es – wie im TV – kein Zurück mehr, er kann den Absatz nicht noch einmal lesen und überdenken. Das macht das Schreiben der Texte – gerade historisch-komplexer – unheimlich ansprechend. Andererseits hat man durch Soundeffekte, musikalische Untermalung, Audioquellen oder die raspelige Stimme eines alten Zeitzeugen die Möglichkeit, den Hörer sehr nah an das Thema heran zu führen. Wobei natürlich auch diese Chancen Risiken mit sich bringen (z.B. Emotionalisierung, Personalisierung).

Zudem ist es faszinierend den hohen Herrschaften aus der Vorlesung nun plötzlich auf Augenhöhe zu begegnen und mit Ihnen ungestört zu diskutieren. Manchmal hatten wir sogar das Gefühl, dass durch die Recherchen, Interview und Schnitt eines Beitrags mehr hängen geblieben ist als in so mancher Vorlesung.

L.I.S.A.: Spielte auch die berufliche Aus- oder Weiterbildung eine Rolle? Die Perspektive auf eine Anstellung in den Medien?

Spreckels: Natürlich. Auch wenn wir noch so gute Noten haben oder viele Praktika absolvieren, nahezu bei allen Studenten der Geisteswissenschaften und somit auch bei Historikern ist das ‚Taxifahrer-Syndrom‘ stark ausgeprägt. Ständig hat man das Gefühl sich fortbilden zu müssen und sich auch ja außerhalb des Studiums in der ‘wirklichen’ der ‘praktischen’ Welt beweisen zu müssen. Die Angst, nach dem wunderbaren Geschichtsstudium ohne Job dazusitzen, kann einen sehr belasten – aber eben auch motivieren.

“Ich habe mit dem toten Leopold von Ranke gesprochen”

L.I.S.A.: Sie waren unter anderem Online-Chef von Q History, der Geschichtsrubrik von Radio Q. Was ist das Anliegen von Q History? Nach welchen Kriterien haben Sie die Themen gesetzt?

Spreckels: Das Ziel von Q History war es immer Geschichte inhaltlich oder methodisch anders zu erzählen als in den Mainstream-Magazinen. Wir haben uns immer gefragt: welche Geschichten, welche Aspekte großer / kleiner Geschichten sind bisher noch nicht behandelt worden? Welche Zusammenhänge gehen unter? Wie steht es z.B. um die Darstellung von Geschichte in Computerspielen und Comics? Welche Erinnerungsorte hält der deutsche Fußball bereit …

Dazu kam dann die Frage nach dem wie. Wie kann man diese Geschichten neu erzählen? Das fing an mit ungewöhnlichen Themenkomplexen und reichte später bis hin zu Audiokollagen und fiktiven Interviews, wie mein Gespräch mit dem toten Leopold von Ranke (gesprochen von Gerd Althoff) in der Berliner U-Bahn.

L.I.S.A.: Und inhaltlich? Gab es auch dort eine Entwicklung?

Spreckels: Ja, auch inhaltlich haben wir uns mehr getraut. Während wir uns anfangs lediglich klassisch-distanzierte Themen wie Monarchie, Reisen und Erinnerungsorte behandelten – haben wir uns später auch an heikle tagesaktuelle Themen gewagt. Aus diesen Überlegungen sind dann z.B. die „Wir sind dagegen“ (Arabischer Frühling, Tea Party) und die „Wer darf töten?“-Sendung (Erschießung bin Ladens) entstanden, in denen wir zu den aktuellen Ereignissen und Fragestellungen eine in den Medien oft vernachlässigte, historische Perspektive bieten wollten.

“Vielleicht erlebt der lange Text im Netz sein Comeback”

L.I.S.A.: Sie bloggen auch. Worüber und welches Medium eignet sich ihrer Meinung nach besonders für historische Themen und warum?

Spreckels: Wenn ich mein eigenes Nutzungsverhalten beobachte, würde ich prinzipiell Podcasts oder eben Radio-on-demand für lange und komplexe Fragestellungen empfehlen. Wer sich im Zug oder beim Abwasch einen Podcast anhört, bringt Zeit und Aufmerksamkeit mit. Einen solchen Hörer kann man auch schon mal mit Interviews konfrontieren, die 8, 20 oder gar 60 Minuten dauern. (Das beste Beispiel für einen solchen Wissenschaftspodcast ist meiner Meinung nach Raumzeit, ein Magazin das gänzlich aus sehr langen Interviews mit Weltraumwissenschaftlern besteht.) Es gibt nur einen Haken aus Perspektive der Macher: noch kann Google keine Sounddateien indexieren und die black box der Aufnahme für Internetrecherchen anderer öffnen.

Bei Blogs und Twitter sieht die Situation anders aus. Wer vor einem Desktop-PC hockt, befindet sich im Arbeitsmodus, der scannt oft nur noch die Seiten und lässt sich kaum noch auf längere, geschweige denn komplexe Texte ein. Hier ist es besser kurze Häppchen, Quellenfunde, kleine Interviews, Eindrücke, Zitate, Hinweise oder Kommentare zu platzieren und auch angenehmer zu lesen. Aber ich bin mir sicher, dass sich dieses Leseverhalten bzw. diese Lesehaltung sehr stark durch die Verbreitung der Tablet-PCs ändern wird. Vielleicht erlebt der lange Text im Netz dann ja sein Comeback.

“Live hat kaum jemand die Sendung gehört, aber…”

L.I.S.A.: Welche Resonanz finden so spezifische Medienangebote, wie beispielsweise Radioprogramme oder Blogs zur Geschichtswissenschaft? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Spreckels: Gerade weil wir unser Geschichtsmagazin nicht auf die Schlagwörter Münster und Studenten beschränkt haben, konnten wir in relativ kurzer Zeit viele Menschen erreichen. Allerdings muss man hier sehr stark zwischen dem Radio-Livestream selbst und den Artikeln im Netz bzw. dem Podcast unterscheiden.

Live hat kaum jemand die Sendung gehört. Da waren wir schon happy wenn 15 Leute im Stream verweilten. (Wie viele uns mit analogem Radio zugehört haben können wir nicht sagen.) Was mich aber nicht verwundert hat: wer setzt sich schon dienstagabends um 20 Uhr vor das Radio und hört zu? Wir haben ein lean forward-Magazin für ein lean back-Medium gemacht.

Dementsprechend anders war die Lage im Netz. Durch die Abo-Möglichkeiten von Blog, Facebook & Twitter konnten wir hier viele Fans und Follower aber auch Kollegen erreichen und vor allem: auch mit ihnen kommunizieren! Die Verschriftlichung und Aufbereitung der Beiträge mit Archiv- und Themenbildern hat die Beiträge vielen nahe gebracht, die uns sonst nie ihre Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Neben dem Blog selbst haben Suchmaschinen wie Google und die Aktivitäten in den Sozialen Netzwerken hier eine ganz entscheidende Rolle gespielt.

L.I.S.A.: Und können Sie sagen, wer genau Ihr Magazin las / hörte?

Spreckels: Das ist beim Radio natürlich nicht immer so einfach. Aber ein grobes Gefühl dafür stellt sich bei einem schon ein. Obwohl das Magazin ausschließlich von Studenten gemacht wurde, hatte ich das Gefühl, dass wir – was unsere Stammleser und -hörer angeht – eher den webaffinen, akademischen Mittelbau als die Studenten erreicht haben. Zumindest der Altersdurchschnitt der Facebook-Fans scheint dies zu bestätigen.

“Der akademische Mittelbau ist netzaffin”

L.I.S.A.: Wie reagiert die Wissenschaft auf neue mediale Angebote? Wie steht es um die Beteiligung von Wissenschaftlern an modernen Medien?

Spreckels: Die Reaktionen sind eher verhalten. Zumindest in meinem Studium war es so, dass die meisten Dozenten neue Medien und Techniken nicht wirklich als Alternative zu den klassischen Kanälen wie Zeitung und TV gesehen haben. Bei den Geschichtsdidaktikern und -kultur’lern sieht die Sache natürlich etwas anders aus – aber auch dort konzentriert man sich noch sehr stark auf die Arbeit mit den alten Medien. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass sich dies gerade durch den netzaffinen akademischen Mittelbau in den nächsten Jahren ändern wird. Etwas allgemeiner gesprochen: ein Ende der Medialisierung der Wissenschaften (nicht nur der Geschichte) ist noch nicht in Sicht – im Positiven wie im Negativen.

Philipp Spreckels hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Foto: cc-by-nd Lalit Shahane

Mehr Kultur, weniger Produktion, analoge Nerds und ein Widerspruch

Ende des alten Jahres werden Vorsätze für das neue Jahr gefasst … und mehr wird daraus meist nicht. Meine Vorsätze für 2012: mehr Kultur, weniger Produktion.

Seit 2008 habe ich mich neben Studium und Brötchen-verdienen immer nebenher ein Projekt am Laufen gehabt. Zuerst war es das Latinum, danach die Phileasson-Saga, Drakensang & der Epenschmiede-Blog, zuletzt das Radio-/Onlinemagazin Q History. Wenn man entdeckt hat, das man Dinge für die Öffentlichkeit produzieren kann, wächst daraus irgendwann der Gedanke, dass man Dinge für die Öffentlichkeit produzieren muss. Und dabei bleiben andere Dinge auf der Strecke.

Während man daheim oder im Studio vor dem Rechner sitzt, bloggt, schneidet, recherchiert, kann man nicht zum ScienceSlam gehen oder sich einen interessanten Vortrag anhören. Gerade die Teilnahme an spontanen (analogen!) Aktionen & Events fallen dann oft aus, da man seine Freizeit stark durch strukturiert und mit dem aktuellen Projekt zukleistert.

Damit sich daran etwas im neuen Jahr ändert, habe ich ein neues Projekt angestoßen (ich weiß, klingt nicht ganz logisch): münster_nerd – ein Veranstaltungskalender für Nerds aus Münster.

Mal schauen ob ich meine Vorsätze für 2012 so umsetzen kann, oder ob sie doch nur Vorsätze bleiben. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

PS: Gekeimt ist die Idee für münster_nerd auf bzw. nach der RatCon.

Bionadenbourgeoisie, Haidudu, Plunderteilchen: Vokabelliste 2011

Vokabelliste 2011Jedes Jahr lernt man neue interessante Vokabeln hinzu (Kontext in Klammern):

Bionadenbourgeoisie
(ZEIT-Artikel)

Erbhöfe
(Verwaltung)

Paradiesvogel
(Münster)

ästhetische Erfahrung
(Video)

Haidudu
(Besprechung)

Bleiwüste
(Berlin)

Plunderteilchen
(Bäcker)

Gutenberg Galaxie
(Zeitung)

Leberwurst-Intranet
(selber)

urban fantasy
(Wiki)

Telearbeit
(Handbuch)

Fleischtöpfe
(Wissenschaft)

Nebelkerzen
(Rhetorik)

bilateral
(Gespräch)

Bulletin
(Wiki)

PS: Listen-Liebhabern kann ich Umblätterers 50 berühmte Mittelinitiale & 60 Doppelinitiale wärmstens empfehlen.

Zombies, Wiedergänger und der Geist Leopold von Rankes: Q History gewinnt den Campusradiopreis 2011

Es muss nicht immer Hitler sein. Auch Untote lassen sich historisch aufarbeiten.

Das Daumen drücken hat geholfen. Nach dem Anerkennungspreis 2010 konnte das Q History-Team 2011 nun auch in der Kategorie Wissenschaft den Campusradiopreis der Landesanstalt für Medien NRW mit nach Hause nehmen.

Offenbar war es nicht von Nachteil, dass wir uns in der eingereichten Beiträgen eher mit fiktiven Horrorgestalten und tot-geglaubten Historikern als eingefleischt aber langweiligen Dauerbrennern wie Hitlers Generälen, Frauen und Hunde beschäftigt haben.

Die Campusradiopreis-Jury schreibt:

“Wissenschaft mal etwas anders. Das Redaktionsteam zeigt, dass Wissenschaft sehr unterhaltsam sein kann. Oder anders: Dass Unterhaltung wissenschaftlich sein kann. [...] Mit der Nominierung der Radiosendung ‘Q History’ zum gesamten Themenkomplex ‘Untote’ wird eine wissenschaftliche Gesamtleistung gewürdigt, die aufwendig und hörernah produziert wurde.”

"Wissenschaft mal etwas anders. Das Redaktionsteam zeigt, dass Wissenschaft sehr unterhaltsam sein kann."

Als ehemaliger Onlinechef von www.qhistory.de hat mich persönlich natürlich sehr gefreut, dass die Jury neben dem Radioprogramm auch etwas für Blog & Co. übrig hatte: “Besonders hervorzuheben ist die crossmediale Begleitung der Sendung.”

Den Ausschlag gaben folgende Beiträge (nachzuhören auf den Seiten der LfM & bei qhistory.de):

  • Wenn die Hölle zu voll ist – Die Geschichte des Zombiefilms (Matthias Friedmann)
  • Die Schmatzenden Toten: Aberglaube und Leichenbekämpfung in der Vorzeit (Frank Schlegel)
  • Interview mit einem Toten: Der preußische Historiker Leopold von Ranke im Gespräch (Philipp Spreckels, Transkript des Interviews)

Das schönste an der ganzen Sache ist aber, dass nicht nur die Beitrags-Autoren sondern die gesamte Q History-Redaktion* mit dem Preis ausgezeichnet wurde. Hinzu kommt, dass sich das Q History-”Mutterschiff” Radio Q neben einem Gewinn in der Kategorie Wissenschaft auch über den 1. Preis in der Kategorie Hochschule freuen kann.

*: Neben Matthias Friedmann, Frank Schlegel und Philipp Spreckels
also auch Daniel Meyer, Cornelia Pfeifer, Christine Krüger, Astrid
Mohr und Henrik Kipshagen.
Foto: siehe dieser Artikel